Source: Koerber Stiftung
Vom Mitgliedsrecht in Sportvereinen bis zur Anerkennung der sportlichen Leistung: Die Teilnehmer:innen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten beschäftigen sich mit historischen Themen rund um Diskriminierung und Gleichberechtigung.
»Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft« lautet das Ausschreibungsthema 2020/2021 des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten. Zeitlich beleuchteten die Schüler:innen insbesondere die Zeit der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus sowie des geteilten Deutschlands. In mehr als 118 eingereichten Beiträgen – in Schriftform, im Audioformat oder als Film – verfolgten die Teilnehmenden die historische Entwicklung gesellschaftlicher Ausgrenzung im Sport aufgrund des Geschlechts. Sie untersuchten dabei, inwiefern Frauen das gleichberechtigte Kräftemessen überhaupt möglich war, welche Anerkennung den Geschlechtern im Sport zukam und zukommt sowie die Frage, ob der Sport zur Emanzipation beitragen konnte und kann.
»Als Frau musst du immer einmal besser sein als ein Mann, um in einer Mannschaft zu bestehen«, erklärt die Sportlerin Maren Valenti in ihrem Interview mit einer Zehntklässlerin. Die Schülerin untersucht in ihrem Beitrag für den Wettbewerb die fortschrittliche Rolle von Frauen im Männersport. Von dem Drang und letztlich dem Druck, die sportliche Leistung besonders aufzeigen zu müssen, berichten auch andere Beiträge, welche die Rolle der Frau im Sport untersuchen. Neben der Wissensaneignung lag den Schüler:innen vor allem die Würdigung der Sportlerinnen in ihrer Rolle als Vorkämpferinnen für nachfolgende Generationen am Herzen. Denn die »Ungleichheit zwischen Männern und Frauen bezüglich ihrer Rechte gibt es zum Teil heute noch – auch im Sport«, betont eine elfjährige Schülerin aus Niedersachsen in ihrem Filmbeitrag über Tennis und die Frage nach der Gleichberechtigung innerhalb der Sportart.
Neben der Recherche in Museen sowie Landes- und Stadtarchiven sammelten die Teilnehmenden ihre Erkenntnisse besonders häufig in Gesprächen mit Zeitzeug:innen. Auch Familienmitglieder, die sportlich aktiv waren oder es immer noch sind und die Entwicklungen im Frauensport miterlebt haben, wurden befragt.
Das Frauenbild im Sport: Wer entscheidet eigentlich, was weiblich ist?
Skispringen, Boxen, Fußball spielen: In der heutigen Zeit steht Frauen die Sportwelt größtenteils offen. Das war nicht immer so – lange dominierten Verbote und medizinische Mythen wie die Annahme, dass zu viel Bewegung die weiblichen Fortpflanzungsorgane schädige, den Alltag. Vor gerade einmal 100 Jahren galt Frauensport als unsittlich und verpönt. Insbesondere im Fußball mussten sich Frauen ihren Platz buchstäblich erkämpfen, berichten zwei Zehntklässlerinnen aus Hessen. Denn oftmals wurde dem weiblichen Geschlecht gar nicht erst der Raum oder die Zeit zum Trainieren geboten und auch die Teilnahme an Wettkämpfen im Fußball musste Mitte des 20. Jahrhunderts durch Proteste der Sportlerinnen hart errungen werden. Zudem mussten sich Frauen nicht nur auf dem Sportplatz besonders beweisen, sondern auch im Gespräch und der Berichterstattung über die eigene Sportart. Was als typisch weiblich galt und was nicht, stand stets zur Diskussion. Eine Diskussion, die sich vor allem um das Frauenbild drehte, welches von den Männern des 20. Jahrhunderts klar definiert war. Daher ist die Rolle der Geschlechter im Sport auch immer eine Frage der gesellschaftlichen Anerkennung.
Mitbestimmung im Sport: Auf der Zielgeraden oder erst auf halber Strecke?
In den 60er und 70er Jahren stiegen die Proteste für mehr Gleichberechtigung sowohl in der Politik, als auch im Sport. Auch der Anteil von Frauen in deutschen Sportvereinen stieg allmählich an. Bei den Olympischen Spielen wurden Frauen jedoch weiterhin bei vielen Sportarten ausgeschlossen. Für mehr Gleichberechtigung im Sport kämpfte und kämpft im wahrsten Sinne auch die Karateka Ulrike Maaß. In einem Podcast-Beitrag von drei Schülerinnen und Schülern der Stufe 13 berichtet die Sportlerin über die Hürden, welche sie im Kampfsport aufgrund ihres Geschlechts zu meistern hatte. Denn obwohl die Kleiderordnung des Sports – weiße Anzüge für alle – bereits für eine gewisse Gleichstellung sorgt, geht der »Kampf« immer weiter. So wurde Ulrike Maaß im Laufe der Zeit zwar innerhalb der eigenen Sportart durch ihre außerordentlichen Leistungen anerkannt, bei Eingriffen in die Vereinsstruktur und der Besetzung der Führungspositionen sah das jedoch ganz anders aus. Daher fiel die Entscheidung, einen eigenen Verein zu gründen, um künftig bei dessen Entwicklung mitentscheiden zu können – eine Entwicklung, die von den männlichen Kollegen wenig gutgeheißen wurde. Auch heute ist die Geschlechterverteilung in den Vorständen der deutschen Sportvereine alles andere als ausgeglichen, ein Umstand, auf den viele Schüler:innen in ihren Beiträgen hinweisen und gegen den es auch in Zukunft weiterhin anzukämpfen gilt. Denn wenn die Sportgeschichte eines gezeigt hat, dann, dass Frauen kämpfen können.
Emanzipation durch Sport: Wie gelingt die Befreiung aus den vorherrschenden Geschlechterbildern?
In der Weimarer Republik zeigte sich die fortschreitende Emanzipation der Frauen auch im Sport und vor allem die Gymnastik öffnete sich für Athletinnen. Im NS-Regime wurden zwar einzelne Erfolge von Sportlerinnen gefeiert, jedoch immer auch politisch instrumentalisiert. Die Rolle der Frau wurde als Hausfrau und Mutter definiert. Vor allem seit den 60er Jahren wehrte sich die entstehende Frauenbewegung in Westdeutschland gegen diese Rollenzuschreibungen. Die Rufe nach Gleichberechtigung wurden daraufhin auch im Sport lauter und immer mehr Sportlerinnen probierten sich in zahlreichen Sportarten aus. Der Sport trug somit zur Emanzipation der Frau bei, wie auch die drei Schülerinnen und Schüler der 9. Klasse aus Berlin über den ersten deutschen Frauenschwimmverein, die Charlottenburger Nixen, abschließend festhalten. Dennoch kennt der Sport nur zwei Kategorien: Mann und Frau. Bei intersexuellen Menschen stoßen diese Kategorien an ihre Grenzen. Dies zeigt auch der Beitrag einer Elftklässlerin aus Bremen über Dora Ratjens. Dora (später: Heinrich/Heinz) Ratjen entwickelte seit der Pubertät männliche Geschlechtsteile und definierte sich selbst als männlich, wurde jedoch als Mädchen erzogen und als Hochspringerin weltweit erfolgreich. Nach der »Aufdeckung« des Geschlechts des Sportlers im Jahre 1938 und einer Festlegung auf das männliche Geschlecht wurden alle bisherigen Erfolge aberkannt und Heinz Ratjen konnte nicht mehr als Sportler aktiv sein. Die Beiträge zum Geschichtswettbewerb »Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft« zeigen somit auf, dass Sport durchaus zur Emanzipation der Geschlechter beitragen kann, die Frage, wie die Gesellschaft Geschlecht definiert und feststellt, sich mit der Zeit jedoch wandeln kann.
Über den Geschichtswettbewerb
Seit 1973 richten die Hamburger Körber-Stiftung und das Bundespräsidialamt den Geschichtswettbewerb aus, der auf eine gemeinsame Initiative des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann und des Stifters Kurt A. Körber zurückgeht. Ziel ist es, bei Kindern und Jugendlichen das Interesse für die eigene Geschichte zu wecken, Selbstständigkeit zu fördern und Verantwortungsbewusstsein zu stärken. Ausgeschrieben wird der größte historische Forschungswettbewerb für junge Menschen in Deutschland in einem zweijährigen Turnus und zu wechselnden Themen.
