Source: NABU – Naturschutzbund DeutschlandDie Gottesanbeterin macht sich im Hitzejahr 2026 früh und häufig bemerkbar
Aufgrund des Klimawandels breitet sich die Gottesanbeterin seit einigen Jahren in Deutschland aus. Der Sommer 2026 scheint der Fangschrecke mit den Riesenaugen besonders gut zu tun. Noch nie wurden so viele Gottesanbeterinnen gesichtet.
Europäische Gottesanbeterin – Foto: Adrian Scheel/NABU/CEWE
Auch die Mantis fängt ganz klein an: eine frisch geschlüpfte Larve sitzt auf dem Eipakat (Oothek) – Foto: Ulrich Sach/NABU-naturgucker.de
Die Larve haben nur kurze Flügelstummel – Foto: Ulrich Sach/NABU-naturgucker.de
Guten Appetit: Eine Gottesanbeterin hat eine Westliche Beißschrecke gefangen – Foto: Ulrich Sach/NABU-naturgucker.de
07. August 2026 – Allein in der letzten Juliwoche gingen im Portal NABU-naturgucker.de mehr als 2000 Beobachtungen ein. Das ist ein Mehrfaches der Vorjahre und außergewöhnlich früh. Auf dem Weg von der Larve zum fertigen Insekt häuten sich Gottesanbeterinnen mindestens sechs Mal. Je nach Umgebung sind sie grün oder braun gefärbt und dadurch bestens getarnt. Flügel haben nur die erwachsenen Tiere. Nun fallen sie auf, wenn sie auf der Suche nach Nahrung und Hochzeitspartnern kurze Flüge unternehmen und dabei auch in Gärten kommen oder sich sogar ins Haus verirren. Der Anstieg der Beobachtungen signalisiert daher, dass immer mehr ausgewachsene Gottesanbeterinnen unterwegs sind. Meist ist das ab Mitte August der Fall, 2026 hat die Hitze die Entwicklung um zwei bis drei Wochen beschleunigt.
Zwei Teilvorkommen im Westen und Osten Deutschlands
Die auch Mantis genannte Gottesanbeterin galt noch vor wenigen Jahrzehnten als Exotin und kam fast nur am Kaiserstuhl im äußersten Süden der Republik vor. Im Zug des Klimawandels hat sich das Areal gewaltig vergrößert. Heute gibt es ein großes Westvorkommen entlang des Rheins und seiner Nebenflüsse sowie ein deutlich davon getrenntes Ostvorkommen von Thüringen bis zur Lausitz und hoch nach Berlin. Genetische Untersuchungen zeigen, dass die „Ost-Gottesanbeterinnen“ aus Tschechien und Polen eingewandert sind.
Hungrig und harmlos
Die Larven und die erwachsenen Gottesanbeterinnen ernähren sich von Insekten und Spinnen. Die Tiere lauern unbeweglich auf Beute oder nähern sich in Zeitlupe an, um dann blitzschnell zuzuschlagen. Die Beute wird festgehalten und bei lebendigem Leib verspeist. Für den Menschen sind sie ungefährlich, sie sind weder giftig noch können sie stechen.
Wie man Gottesanbeterinnen findet
Gottesanbeterinnen lieben die Sonne und halten sich in Stauden oder an Gebüschrändern auf. Gut getarnt und meist regungslos werden sie aber eher zufällig entdeckt. Viele Beobachtungen stammen aus dem Siedlungsbereich, wenn Gottesanbeterinnen den Garten besuchen, sich am Wohnungsfenster zeigen, auf Fahrradlenker klettern oder ihre Eier an Autofelgen ablegen wollen.
Im Porsche unterwegs
Gottesanbeterinnen fliegen nur über kurze Distanzen, die Ausbreitung erfolgt langsam, aber stetig. Manchmal hilft der Mensch mit, wenn die Insekten als blinde Passagiere reisen. Zum Beispiel erfolgte der Erstnachweis in Bremerhaven 2023 am dortigen Autoverladeterminal – an einem Porsche-Fahrzeug, das aus dem Werk Leipzig angeliefert wurde.
Wo es Gottesanbeterinnen gibt
Das geschlossene Westareal umfasst den Oberrhein und das Neckarland, das komplette Saarland, Rheinland-Pfalz mit Ausnahme der Eifel, Südhessen und Teile Mittelhessens einschließlich des bayerischen Mainfranken, in NRW das Rheinland sowie den Süden und die Mitte des Ruhrgebiets. Das Ostareal beginnt im Harzvorland und der Saale-Unstrut-Region, in Sachsen ist das gesamte Flachland besiedelt, Sachsen-Anhalt bis nördlich Magdeburg, Brandenburg bis auf die Höhe von Berlin. In Großstädten wie München, Nürnberg, Hannover und Hamburg gibt es gesicherte Vorkommen. Nördlichste Einzelfunde stammen von Zingst und Rügen.
Die Art wird auch als Europäische Gottesanbeterin bezeichnet, ihre Verbreitung reicht aber viel weiter. Von den gemäßigten bis zu den tropischen Regionen kommt Mantis religiosa auf der Nordhalbkugel weltweit vor. In Afrika erreicht sie sogar die Südspitze. In Australien und Südamerika fehlt die Gottesanbeterin.
Besonders zahlreich sind aktuell die Sichtungen in der Westpopulation. „Bei Durchschnittstemperaturen von 17 Grad Celsius und mehr entwickeln sich Eier und Larven beschleunigt. Das war in der kritischen Zeit von Mai bis Ende Juni 2026 vor allem im Südwesten der Fall. Es gibt eine hohe geografische Übereinstimmung zwischen Frühjahrswärme und Meldeboom“, so Alexander Wirth, Datenanalyst bei NABU-naturgucker.de. „In Sachsen oder Brandenburg ging es nicht ganz so flott, aber auch dort wird es erkennbar ein sehr gutes Mantisjahr.“
Karte der jährlich bis 3. August bei NABU-naturgucker.de eingesandten Mantis-Fotos, blau = 2026, rot = 2020 bis 2025. Besonders drastisch ist der Entwicklungsvorsprung zum Saisonbeginn in Baden-Württemberg. Waren es 2025 bis zum 3. August 30 Fotos, sind es dieses Jahr 682. – Grafik: NABU-naturgucker.de, Kartengrundlage: Openstreetmap
Gottesanbeterinnen lassen sich geduldig fotografieren – Foto: Michael Jodl/NABU-naturgucker.de
Ob das ein guter Ort für die Eiablage ist? – Foto: Günther Pitschi/NABU-naturgucker.de
Beim NABU ist man gespannt, ob sich beiden Metapopulationen vereinigen werden und bald ganz Deutschland besiedelt ist. Einzelne Funde gibt es inzwischen aus jedem Bundesland, aber in der Fläche bleibt viel Luft. Nach Norden dünnen die Bestände stark aus, die Mittelgebirge sind der Mantis auch noch zu kalt.
Wer eine Gottesanbeterin sieht, sollte das unbedingt melden. Die Art ist für Citizen Science, also die Erfassung durch Laien, ideal geeignet. Sie ist ruhig und geduldig, man kann sie gut fotografieren. Und sie ist durch ihre großen Fangarme unverwechselbar. Auswertungen der hochgeladenen Bilder zeigen, dass es kaum Fehlbestimmungen gibt.
Ein Drittel der Männchen wird aufgefressen
Bei den Gottesanbeterinnen ist in den nächsten Wochen Fortpflanzung angesagt. Noch bis in die zweite Septemberhälfte sind sie häufig zu sehen, dann nimmt ihre Zahl rasch ab. Geschätzt ein Drittel der Männchen stirbt bereits unmittelbar nach der Paarung, denn sie werden von den Weibchen verspeist. Was grausam klingt, ist im Sinne der Arterhaltung nachvollziehbar. Die Männchen haben ihre Schuldigkeit getan und die Weibchen stärken sich für die anstrengende Eierproduktion. Im Herbst sterben auch die Weibchen, nur die „Oothek“ genannten Eipakete überwintern.
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