Source: Universitat Hamburg30. März 2026, von Claudia Sewig
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Der Wolgazander kommt ursprünglich in tieferen, sandigen Flussabschnitten der Donau und der Wolga vor. Der Fisch, der maximal 40 bis 50 Zentimeter lang und zwei Kilogramm schwer wird und damit etwas kleiner ist als der bei uns heimische Zander, wird neuerdings auch in der nördlichen Elbe gefunden.
Hammerhaiwurm, Alligatorkraut oder Kleiner Mungo: Hamburg ist die neue Heimat vieler invasiver, gebietsfremder Tier- und Pflanzenarten. Zuletzt tauchte der Wolgazander in der Elbe auf. Im Interview erklärt Prof. Dr. Matthias Glaubrecht, Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg, welchen Einfluss neue Arten auf unsere Ökosysteme haben.
Der Wolgazander ist nach aktuellen Angaben des Anglerverbandes Niedersachsen erstmals im Mittellandkanal nachgewiesen worden, von wo aus er seinen Weg in die nördliche Elbe fand. Wahrscheinlich wurde er als Besatzfisch von Anglern ausgesetzt. Ist das Aussetzen gebietsfremder Arten nicht verboten?
Es gibt auf europäischer Ebene eine sogenannte Unionsliste. In dieser benennt die EU gebietsfremde Tier- und Pflanzenarten, die mit ihrer Ausbreitung heimische Lebensräume, Arten oder Ökosysteme beeinträchtigen und daher der biologischen Vielfalt schaden können. Sie regelt damit, welche Arten man nicht einführen, handeln, züchten und freisetzen darf. Von den inzwischen rund 12.000 gebietsfremden Arten in Europa stehen aber nur etwas mehr als 100 Arten auf der Unionsliste – also nicht einmal 0,1 Prozent. Auch der Wolgazander wird hier nicht geführt, damit war sein Aussetzen nicht verboten.
Es gibt jedoch Arten, die auf der Liste stehen und bei der die Umweltbehörde bei Sichtungen aktiv wird. Im vergangenen Sommer war das zum Beispiel hier in Hamburg bei der Asiatischen Hornisse der Fall. Sie richtet wirtschaftlichen Schaden an, weil sie Bienen erbeutet. Hier hat man nicht nur unsere 556 Wildbienenarten im Blick, sondern vor allem die Honigbiene, weil sie für die Imkerwirtschaft und für die Bestäubung von Pflanzen wichtig ist. Die Pestizide, die wir in die Landschaft bringen, sind für die Honigbienen zwar eine viel größere Gefahr, aber weil man nicht alle Probleme gleichzeitig lösen kann, fängt man mit der Kontrolle der Asiatischen Hornisse an.
Welche Arten haben sich zuletzt noch besonders in Hamburg ausgebreitet, und mit welcher Folge?
Da haben wir vor allem solche, die aus den Zuchtbetrieben entkommen sind. Der ursprünglich aus Ostasien stammende Marderhund ist in Ländern der ehemaligen Sowjetunion gezüchtet worden, dort in den 1920ern-Jahren aus Haltungen entkommen und hat sich, wie der ebenfalls für sein Fell gezüchtete Waschbär, bis zu uns ausgebreitet. Beide Arten fressen Eier, Amphibien, Insekten und Kleinsäuger, was lokale Populationen gefährden kann. Eine große Rolle spielen bei uns auch die Nutrias. Die auch Biberratte genannte Art aus Südamerika wurde ebenfalls in Pelzfarmen in Deutschland gezüchtet und gelangte durch Flucht oder gezielte Aussetzung in unsere Natur. Die Tiere unterhöhlen durch ihre Bauten Deiche, was ja besonders für unsere Region relevant ist.
Prof. Dr. Matthias Glaubrecht Foto: UHH / EngelsBei den Pflanzen macht sich besonders das Drüsige Springkraut breit, welches eigentlich vom indischen Subkontinent stammt und als Zierpflanze eingeführt wurde. Es wächst schnell und nimmt damit anderen Pflanzenarten Sonnenlicht und Nährstoffe. Es ist also Konkurrenz für unsere heimische Flora – doch Pflanzen können auch wirtschaftliche Schäden verursachen. Invasive Wasserpflanzen wie das Alligatorkraut breiten sich durch Schifffahrt oder Vögel aus und blockieren Bewässerungs- und Entwässerungssysteme sowie Kraftwerkszuflüsse. Das machen auch gebietsfremde Muscheln, wie etwa Zebramuscheln, die aus der Schwarzmeerregion kommen.
Invasive Arten können aber nicht nur der Wirtschaft und Infrastruktur, sondern auch der Gesundheit von Menschen, Tiere und Pflanzen schaden. Ein Beispiel dafür ist der eingeschleppte amerikanische Sumpfkrebs. Er überträgt Krankheiten, an denen er selbst nicht leidet, auf unsere europäischen Krebsarten, die das nicht gewohnt sind. Und inzwischen findet auch die Asiatische Tigermücke, eine Überträgerin des Dengue-Fiebers , die über den Mittelmeerraum zu uns gelangt ist, hier ein Bruthabitat. Wenn es wärmere Umgebungstemperaturen gibt, wie wir es jetzt vermehrt in Europa erleben, dann haben wir immer auch eine Zunahme von bei uns nicht üblichen Krankheiten, die von Insekten übertragen werden. Noch ist das in Hamburg nicht das ganz große Problem. Aber es nimmt zu und man muss klar sagen: So lange wir in exotischen Regionen unterwegs sind, so lange schleppen wir auch fremde Arten um die Welt.
Welche Rolle spielen invasive Arten beim globale Artensterben?
Verglichen mit den großen Problemen, die wir beim Erhalt der Biodiversität haben, sind invasive Arten unser geringstes Problem. Da steht der Habitatverlust an erster Stelle, also die sogenannte Landnutzungsänderung, die Fragmentierung und Veränderungen von Lebensräumen. Unser Problem in Hamburg ist also nicht der Wolgazander, sondern die Nutzung unserer Fläche, bei der die Politik in der Zwickmühle ist. Wir haben seit 800 Jahren den Hafen, von dem Hamburg lebt. Daher versuchen wir, ihn global wettbewerbsfähig zu halten, indem wir die Tideelbe auf 100 Kilometer ausbaggern. Doch das Ausbaggern verändert den Lebensraum – und zwar so, dass wir unter anderem den Stint verlieren, eine typische Art für die Elbe. Schwebstoffe bedecken seine Eier und führen dazu, dass die Fische viel weniger sehen können, was ihre Nahrungsaufnahme verschlechtert, da sie optisch nach Zooplankton suchen. Die Bestände des Stints und vieler anderer Arten gehen also nicht wegen einer neuen Zanderart, sondern wegen unserer massiven Eingriffe in die Lebensräume und die Natur zurück.
Als Evolutionsbiologe würde ich jetzt sagen: Hier spielt also vor allem eine eingewanderte Art eine extreme Rolle beim Artensterben – nämlich der Mensch. Wir sind vor ungefähr 300.000 Jahren in Afrika entstanden, das war unser Verbreitungsgebiet. Und irgendwann vor 50.000 Jahren haben wir als Homo sapiens Afrika verlassen. Wir sind in Europa eingewandert, haben dabei den Neandertaler beiseitegeschafft und auch das Mammut. Es hat also immer schon Einwanderung gegeben, selbst wenn wir beim Wolgazander durch das Aussetzen nachgeholfen haben. Im Prinzip ist es aber eine natürliche Entwicklung, doch jetzt ist dadurch zusätzlich auch noch die Biodiversität bedroht.
