Source: NABU – Naturschutzbund DeutschlandAlternativen und Tipps für Verbraucher*innen
Eincremen und ab in den See: Sonnenschutz ist unverzichtbar, für die Umwelt aber problematisch. Wir klären auf und geben praktische Tipps.
Was gut für unsere Haut ist, kann Gewässern schaden – Foto: Christine Fratzke
Viele Tausend Tonnen Sonnenschutzmittel landen Schätzungen zufolge jedes Jahr in Gewässern. Beim Baden im Meer oder im See gelangen die schädlichen UV-Filter direkt ins Wasser. Aber auch in Kläranlagen werden sie nur teilweise herausgefiltert. Besonders in Verruf geraten sind die UV-Filter Octinoxat (OMC) und Oxybenzon. Weil sie unter anderem Korallenriffe schädigen, sind sie in einigen Ländern verboten. In Europa hat das Problem noch nicht die Ausmaße erreicht wie zum Beispiel vor der Küste Hawaiis. Allerdings gibt es durchaus Grund, besorgt zu sein. Studien weisen darauf hin, dass UV-Filter zum Beispiel Fische und Amphibien beeinträchtigen können.
Chemische UV-Filter
Das liegt an der molekularen Struktur der chemischen Filtersubstanzen. Die Filter schützen die Haut, indem sie das energiereiche Sonnenlicht absorbieren, also aufnehmen, und in Form von Wärme wieder abgeben. So verhindern sie, dass schädliche UV-Strahlen tiefer in die Haut eindringen. Der Nachteil: Viele chemische Filter stehen im Verdacht, hormonaktiv zu sein.
Sie könnten in Organismen zum Beispiel ähnlich wie das weibliche Sexualhormon Östrogen wirken oder die natürliche Wirkung von Androgenen blockieren, den männlichen Sexualhormonen, heißt es in einem Bericht des Umweltbundesamtes (UBA). Stoffe, die mit dem Hormonsystem von Menschen oder Tieren interagieren und dabei schwerwiegende Effekte hervorrufen, bezeichnen Expert*innen als endokrine Disruptoren.
Problem für Fische
Forscher*innen beobachten unter anderem eine Verweiblichung bei Fischen. Zudem stehen UV-Filter im Verdacht, Schilddrüsenhormone zu beeinflussen. Und die steuern bei Amphibien die Entwicklung von der Kaulquappe zum Frosch. „Eine Störung kann zum Beispiel zu Missbildungen oder einer verzögerten Entwicklung führen“, sagt Jürgen Arning, Chemiker und Experte beim UBA. Zusätzlich besorgniserregend sei, dass einige chemische UV-Filter in der Umwelt nur sehr langsam abgebaut würden und sich so in Gewässern anreichern können.
Studien zeigen, dass Zinkoxid in Nanogröße auch Seeigel schädigen kann – Foto: NABU/Manfred Bender
Eine mögliche Alternative zu chemischen sind mineralische UV-Filter mit Titandioxid und Zinkoxid. Sie werden in Naturkosmetika und als Zusatz in herkömmlichen Cremes oder Lotionen verwendet. Die kleinen Partikel reflektieren oder streuen die schädliche UV-Strahlung, bevor sie tief in die Haut gelangt. Sie legen sich wie eine Schutzschicht auf die Haut – und das sieht man. Um den unangenehmen „Weißel-Effekt“ zu vermeiden, verwenden viele Hersteller inzwischen winzige Nanopartikel. Studien weisen allerdings darauf hin, dass Zinkoxid in Nanogröße zur Korallenbleiche beiträgt und Seeigel sowie Zebrafische schädigen kann.
Untersuchung dauert
Im Fokus der Expert*innen stehen derzeit aber vor allem chemische UV-Filter, allein aufgrund ihrer Menge und Anzahl. In der EU sind aktuell rund 30 Filtersubstanzen zugelassen, bis auf zwei – Titandioxid und Zinkoxid – handelt es sich dabei um chemische. EU-Behörden haben nicht nur ihre Wirkung auf den Menschen im Blick, sondern auch die Folgen für Natur und Umwelt. Im Rahmen der REACH-Verordnung können die Mitgliedstaaten besorgniserregende Stoffe melden. Das hat 2015 bereits zum Verbot des UV-Filters 3-Benzylidencampher (3-BC) in der EU geführt. Weitere chemische Filtersubstanzen werden derzeit noch untersucht, darunter Octocrylen, Oxybenzone, 4-Methylbenzylidene Camphor, OMC (2-Ethylhexyl trans-4-methoxycinnamate) sowie die Stoffgruppe der Benzophenone. Verbraucherschützer wie Stiftung Öko-Test oder die Verbraucherzentralen raten schon heute von den genannten Filtern ab.
Studien anfordern, auswerten und abwägen – das dauert alles in allem mindestens fünf Jahre, so Arning. Die vom UBA gemeldeten und derzeit untersuchten Stoffe haben diesen Prozess ungefähr zur Hälfte durchlaufen. Wenn sich der Verdacht bestätigt und die UV-Filter Umweltschäden verursachen, könnten sie womöglich in Sonnencremes verboten werden. Dafür braucht es dann allerdings eine Alternative, die den Menschen genauso gut vor Hautkrebs schützt.
Nicht direkt vor dem Baden eincremen
Ob es chemische UV-Filter gibt, die wirksam sind und zugleich unproblematisch für die Umwelt? Jürgen Arning ist skeptisch. „Es lässt sich nicht ausschließen, dass alle oder sehr viele der chemischen UV-Filter aufgrund ihrer Struktur eine endokrine Wirkung in der Umwelt haben können“, sagt er.
Darum auf Sonnenschutz zu verzichten, wäre fatal. „Man sollte die Produkte fachgerecht und bewusst anwenden“, sagt Anja Thijsen. Sie ist Pharmazeutin und Sprecherin des NABU-Bundesfachausschusses Umweltchemie und Ökotoxikologie. „Ein mineralischer Filter ist eine gute Alternative, wenn einen der Weißel-Effekt nicht zu sehr stört.“ Wer chemische Filter nutzt, kann sich in der Apotheke beraten lassen, um besonders problematische Stoffe auszuschließen. Zudem sollte man sich möglichst nicht direkt vor dem Baden eincremen und nach dem Strandbesuch erst zu Hause duschen. Und natürlich helfen die altbekannten Tipps: Sonnenhut und lange Kleidung tragen, pralle Mittagssonne vermeiden. Denn Patentrezepte für einen umweltfreundlichen, wirksamen und zugleich unsichtbaren Sonnenschutz gibt es leider nicht.
Ann-Kathrin Marr (aus Naturschutz heute 2/25)
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