Source: NABU – Naturschutzbund DeutschlandSchutzgebiete stärken, Schiffsverkehr neu ordnen
Vor der niederländischen Küste steht ein Autofrachter in Flammen. Der Rettungseinsatz ist kompliziert, das Schiff hat auch 1,6 Millionen Liter giftiges Schweröl geladen. Die Küstenwache hat das Schiff abgschleppt und versucht, eine Katastrophe zu verhindern.
Die „Fremantle Highway” steht in Brand, ein Kentern oder Sinken wäre fatal für das Weltnaturerbe Wattenmeer – Foto: picture alliance/Uncredited
29. Juli 2023 – In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch geriet das Frachtschiff „Fremantle Highway“ vor der niederländischen Wattenmeerküste aus bisher nicht geklärten Gründen in Brand. Vermutet wird, dass eine defekte Batterie eines Elektroautos den Brand ausgelöst haben könnte. Ein Besatzungsmitglied kam ums Leben. Niederländische Rettungskräfte versuchen das Schiff zu löschen, ohne dass das Löschwasser es zum Kentern bringt. Am heutigen Montag gelang das Abschleppen in sicherere Bereiche. Weiterhin besteht die Gefahr, dass das Schiff infolge des Brandes instabil werden und im schlechtesten Fall auseinanderbrechen könnte. Für alle Fälle stehen Schlepper, Rettungsfahrzeuge und Spezialschiffe bereit.
Wie ist die Lage aktuell? (Stand 31.7.)
Der Frachter wurde erfolgreich abgeschleppt. Er ankert provisorisch weiter östlich, 16 Kilometer nördlich der Insel Schiermonnikoog. Hier soll es verkehrsberuhigter und windgeschützter sein, es drohen weniger Gefahren für das Wattenmeer. Gesucht wird ein Hafen, in den der Frachter später gebracht werden kann.
Der Frachter brennt weiterhin, wenngleich Feuer und Rauch an Bord etwas zurückgegangen sind. Laut Behörden ist das Schiff stabil. Ein Auseinanderbrechen oder Kentern soll unter allen Umständen verhindert werden.
Nach neuesten Erkenntnissen befinden sich sogar 500 E-Autos an Bord und damit deutlich mehr als ursprünglich angenommen. Sollten die Akkus der E-Autos ins Meer gelangen, drohen zusätzliche Gefahren für die Meeresumwelt.
Am Samstag hatte ein Bergungsteam erstmals das Schiff betreten können und es erfolgreich mit einem Schlepper vertaut. Der bisherige Standort des brennenden Frachters lag in einer vielbefahrenen Schifffahrtsstraße. Ein erster Abschleppversuch hatte am Wochenende aufgrund von Rauchentwicklung abgebrochen werden müssen.
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Welche Folgen sind zu befürchten?
Schon jetzt werden große Mengen kontaminiertes Lösch- und Kühlwasser ins Meer gespült. Ruß, Kunststoffpartikel, Reste von Öl, Benzin und Batterien sowie giftige Kohlenwasserstoffe steigen im Feuer mit dem Qualm auf und gelangen in Luft und Wasser.
Allerdings sind diese Folgen aktuell nur lokal spürbar und nicht vergleichbar zu den Schäden nach einem möglichen Kentern und Sinken des Frachters.
Was passiert, wenn der Frachter unkontrolliert sinkt?
Nach aktueller Windlage würden die Ölteppiche Richtung Elbmündung und in die deutsche Küste treiben. Durch die Gezeiten fallen zweimal täglich 5.000 Quadratkilometer Wattenmeer trocken. Öl würde das Leben im Watt ersticken und ins Sediment gelangen und den Lebensraum so über Jahre vergiften.
Das hätte auch für uns fatale Folgen. Wir müssten mit gesperrten Stränden leben, es gäbe erstmal keine Nordseekrabbe und Scholle aus der Nordsee mehr. Der Tourismus würde saisonal einbrechen. Deutschland wäre auf ein solches Szenario vermutlich nicht vorbereitet. Gleichzeitig bemüht sich das Havariekommando in Cuxhaven mit den Landesbehörden, Nationalparkämtern und den Landkreisen um eine gute Koordination für den Ernstfall.
Was kann noch getan werden?
Bleibt keine Zeit für das Ausbrennen auf See, könnte das Schiff in einen Nothafen geschleppt oder kontrolliert auf Grund gesetzt werden. Dazu käme es aber wieder näher an die Küste. Wichtig ist es jetzt, Menschen und Technik zur Ölbekämpfung bereitzuhalten. Das niederländische Mehrzweckschiff Arca ist genau deshalb vor Ort, die deutsche Mellum in Bereitschaft.
Die schnelle und professionelle Arbeit der Einsatzkräfte vor Ort machen Hoffnung. „Es ist gut, dass die Krisenreaktion diesmal gut funktioniert hat. Vor fünf Jahren beim Massengut-Frachter Glory Amsterdam waren viele Stunden lang nicht die richtigen Schlepperschiffe vor Ort und es gab Kommunikationsprobleme mit dem Schiff – obwohl sich der Herbststurm Herwart angekündigt hatte. Erst vier Tage später war der Tanker vor Langeoog wieder frei“, sagt Dr. Kim Cornelius Detloff, Leiter Meeresschutz NABU. Doch die Situation vor Ort ist dynamisch.
Umweltkatastrophe droht
Sinkt das Schiff, das knapp 3.800 Autos, darunter 500 Elektroautos sowie rund 1,6 Millionen Liter Schweröl und 200 Tonnen Marinediesel geladen hat, drohen der Nordsee und dem Weltnaturerbe Wattenmeer langfristige Umweltschäden. Je nach Wind- und Strömungsverhältnissen können die freigesetzten Schadstoffe sowohl die niederländische als auch die deutsche Nordsee und das sensible Ökosystem Wattenmeer weiträumig verschmutzen.
Rettungskräfte sind seit Tagen im Dauereinsatz, um das Schlimmste zu verhindern – Foto: picture alliance/AA/DUTCH COAST GUARD
Das hochgiftige Schweröl sinkt schnell zum Meeresboden ab und wird auf natürlichem Weg erst nach Jahrzehnten abgebaut. Der Marinediesel treibt länger an der Oberfläche und kann deshalb besser durch Ölsperren eingesammelt werden. Insbesondere bei Seevögeln führt der Treibstoff aber ebenso schnell zu Verunreinigungen. Ihr Gefieder verliert bereits durch wenige Tropfen Öl seine isolierende Wirkung, die Tiere unterkühlen und sterben, da sie eine Körpertemperatur von über 40 Grad Celsius aufrechterhalten müssen.
Erste Opfer des auslaufenden Öls wären also verölte Vögel – im August mausert sich beispielsweise der Weltbestand der Brandgans an der deutschen Küste. Aber auch Schweinswale, Seehunde und Kegelrobben wären betroffen, wenn sie die giftigen Substanzen wie aromatische Kohlenwasserstoffe aufnehmen oder einatmen.
Brand muss Konsequenzen für Schutz des Wattenmeers haben
Während wir alle weiter auf die Rettungskräfte vertrauen, braucht es politische Konsequenzen. Eine der meistbefahrenen Schifffahrtsstraßen der Welt, die Route „Terschelling German Bight“, so nah am einzigartigen, sensiblen Ökosystem Wattenmeer entlangzuführen, ist aus Sicht des NABU fahrlässig.
„Drei schwere Zwischenfälle seit 2017 verlangen Antworten der Politik, allen voran vom Bundesverkehrsministerium. Tanker, große Containerschiffe und Gefahrguttransporte – zu denen ab sofort auch Autotransporte gehören sollen – müssen zwingend auf das weiter nördlich liegende Verkehrstrennungsgebiet ausweichen“, fasst NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller zusammen. So gewinne die Küstenwache im Havariefall kostbare Zeit.
Das fordert der NABU
Der Schutz des Wattenmeers muss endlich Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen haben:
Der Seeverkehr muss neu geordnet werden
Ebenso der Transport von Batteriefahrzeugen: er braucht strengere Transport- und Brandschutzauflagen
Deutschland muss im Schulterschluss mit den Niederlanden und Dänemark eine aktive Rolle in der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation einnehmen und entsprechende Standards für zukünftige Autotransporte und die Verkehrslenkung in der südlichen Nordsee erarbeiten
Da es kein Einzelfall ist, dass Schifffahrtslinien quer durch Meeresschutzgebiete führen – gleich fünf zerstückeln das Naturschutzgebiet „Sylter Außenriff – Östliche Deutsche Bucht“ – gibt es großen Nachholbedarf der Bundesregierung beim Schutz von Nord- und Ostsee.
