Source: NABU – Naturschutzbund DeutschlandWie wirkt sich das Vorhaben auf die Meeresumwelt aus?
Das geplante Flüssiggas-Terminal vor Rügen soll mitten in einem Meeresschutzgebiet entstehen. Das würde Teile des Meeresbodens zerstören und den bereits belasteten Greifswalder Bodden, seine Lebensräume und dort heimische Arten gefährden.
Die Kreidefelsen von Rügen bilden eine einzigartige Landschaftskulisse an der deutschen Ostseeküste – Foto: NABU/Felix Paulin
Das von der Bundesregierung geplante Vorhaben „Ostsee LNG”, ein Flüssiggas-Terminal vor der Ostseeinsel Rügen, würde mehrere Meeresschutzgebiete und ihre Bewohner stark gefährden. Der Bau einer neuen Gaspipeline, die das Terminal mit Lubmin verbindet, und der massiv erhöhte Schiffsverkehr würden eine erhebliche zusätzliche Belastung für das bereits angeschlagene und über seine Belastungsgrenze hinaus genutzte Ökosystem bedeuten.
Betroffen wären:
zwei Vogelschutzgebiete des internationalen Schutzgebietsnetzwerks Natura 2000 („Westliche Pommersche Bucht” und „Greifswalder Bodden und südlicher Strelasund”)
zwei Gebiete gemeinschaftlicher Bedeutung („Greifswalder Boddenrandschwelle und Teile der Pommerschen Bucht” und „Greifswalder Bodden, Teile des Strelasundes und Nordspitze Usedom”)
das Landschaftsschutzgebiet „Greifswalder Bodden”.
Bauarbeiten und Betrieb bedrohen zahlreiche Arten und ihre Lebensräume
Der Bau und und die Inbetriebnahme des Megaprojektes würden empfindliche und zu schützende Lebensräume zerstören und hochgradig bedrohte Meeressäugetiere, Rastvögel und Zugvögel dauerhaft bedrohen.
Für die Schweinswale der Ostsee stellen nicht nur die umfassenden Bauarbeiten, inklusive Ausbaggerung des Meeresbodens, einen enormen Stresszuwachs dar. Auch ein Teil ihrer Nahrungsgrundlage, verschiedene Fischarten wie beispielsweise der Hering, wird geschwächt.
Die geplante 38 Kilometer lange Gaspipeline soll durch den Greifswalder Bodden, eines der bedeutendsten Heringslaichgebiete der westlichen Ostsee, führen.
In diesem Gebiet halten sich auch Tiere der sich gerade erst wieder ansiedelnden Kegelrobbenpopulation der südlichen Ostsee auf, die ebenso auf den Hering als Nahrungsgrundlage angewiesen sind.
Schweinswale haben ein empfindliches Gehör: Lärm und andere Stressoren können sich stark auf ihr Verhalten auswirken – Foto: Sven Koschinski/Fjord and Belt Kerteminde DK
Die unter Schutz stehenden Tiere werden in den von RWE vorgelegten Antragsunterlagen für den Pipeline-Bau nicht einmal berücksichtigt – solche Lücken sind inakzeptabel für dieses Riesenprojekt und seine Auswirkungen.
Darüber hinaus würden im Bereich der Greifswalder Boddenrandschwelle wichtige Riffe und damit zu schützende Biotope durch den Bau der Pipeline verloren gehen. Selbst wenn neue, künstliche Riffe geschaffen würden, könnten diese die alten Strukturen niemals adäquat ersetzen. Wenn nun ein weiterer Verlust der Lebensräume im Greifswalder Bodden in Kauf genommen wird, kann dies dem Gewässer und seinen heimischen Arten massiv schaden und den Biodiversitätsverlust vorantreiben.
Zusätzlicher Stress für zu schützende Vogelarten
Durch den Bau, den Betrieb und den erhöhten Schiffsverkehr für die Pipeline und später das LNG-Terminal nimmt der Stress auch für die zahlreich gefährdeten Vogelarten zu. Viele Seevogelarten, die sich in dem eigens für ihren Schutz eingerichteten Natura-2000-Gebiet aufhalten, werden vergrämt – es kommt zu Meide- und Fluchtverhalten. Die so entstehende Verkleinerung und Zerschneidung der Rast- und Brutgebiete hat einen starken Effekt auf den Artenbestand.
Die Vögel verlieren Teile ihres Lebensraums, so werden die Flugstrecken länger und sie müssen mehr Energie aufwenden. Das kann sich auf ihr Verhalten und ihre Fortpflanzung auswirken. Die Natura 2000-Schutzgebiete sollen das langfristige Überleben von Europas wertvollsten und gefährdetsten Arten und Lebensräumen sicherstellen. Durch den Bau wird der Arten- und Lebensraumverlust nicht nur in Kauf genommen, er wird geradezu gefördert.
NABU fordert den Stopp des Vorhabens
Während noch unklar ist, was für weitere Auswirkungen dieses Megaprojekt auf das sensible Ökosystem der bereits angeschlagenen Ostsee haben könnte, werden bereits Tatsachen geschaffen. RWE soll bereits mit Vorbereitungsarbeiten begonnen haben. Dabei wären durch die Umsetzung des Projekts nicht nur die Natur und der Klimaschutz direkt betroffen, auch die Anwohner*innen, die Fischerei und der Tourismus in der Region würden leiden. Aufgrund der Auswirkungen des Mega-Projekts auf die Ostsee und der unzureichenden Darlegung der Notwendigkeit dieses Vorhabens, fordert der NABU den sofortigen Stopp des Vorhabens und damit der Zerstörung der Natur!
Was ist genau geplant?
Bei dem Vorhaben “Ostsee LNG” soll ein Flüssiggas-Terminal inklusive zwei Risertowern und bis zu vier FSRUs (Floating Storage Regasification Units; Flüssiggasterminals) vor der Küste Rügens gebaut werden. Von diesen Stationen soll eine ca. 38 Kilometer lange Offshore-Gaspipeline in den Hafen nach Lubmin verlegt werden, von wo aus das Gas über bereits vorhandene Leitungen weiter verteilt wird. Das Terminal soll später eine jährliche Kapazität von bis zu 38 Milliarden Kubikmeter besitzen. Es wäre damit das größte Flüssiggas-Terminal in Europa.
Bisher (Stand März 2023) hat das umzusetzende Unternehmen RWE den Bau der Pipeline bei der zuständigen Genehmigungsbehörde beantragt. Das Terminal selbst, d.h. die Risertower, FSRU(s) und Verbindungsleitungen, wird zu einem späteren Zeitpunkt in einem gesonderten Verfahren beantragt.
