MIL OSI – Source: Federal Institute for Population Research – BIB –
Headline: Ukrainische Demografie in Zeiten des Krieges
Wie hat sich die demografische Lage in der Ukraine im Zeitverlauf verändert? Wie kann die akademische und politische Welt Forscherinnen und Forscher in der Ukraine unterstützen – und welche Möglichkeiten gibt es, die wissenschaftliche Zusammenarbeit jetzt und in Zukunft aufrechtzuerhalten und auszubauen?
Mit diesen Fragen beschäftigte sich am 28. April 2022 ein Online-Workshop, der vom BiB zusammen mit Population Europe und der Universität von Southampton organisiert wurde. Die Veranstaltung brachte ukrainische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Fachdisziplinen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus mehreren europäischen Ländern sowie Vertreterinnen und Vertretern aus europäischen und nationalen Institutionen und Behörden zusammen.
Bereits vor dem Krieg Bevölkerungsrückgang
Wie sehr sich die kritische humanitäre Lage bereits auf die demografische Entwicklung ausgewirkt hat, machte Dr. Nataliia Levchuk (Ptoukha Institute for Demography and Social Studies of the National Academy of Sciences of Ukraine, Kyiv) deutlich. Sie betrachtete zunächst die demografische Situation in der Ukraine vor dem Krieg, die bereits längere Zeit von einem Rückgang der Bevölkerungszahl, sinkender Lebenserwartung sowie einer sehr niedrigen Geburtenrate gekennzeichnet war.
Rasch steigende Zahl Vertriebener im Land
Wie dynamisch das Migrationsgeschehen verläuft, machte Dr. Yuliya Hilevych (Department of Economic and Social History of the University of Groningen, The Netherlands) deutlich. Lag die Zahl der im Land Vertriebenen (internally displaced persons) vor dem 24. Februar 2022 noch bei 1,7 Millionen, so wuchs sie seit dem Kriegsausbruch auf 7,7 Millionen an.
Dr. Oleksiy Poznyak (Ptoukha Institute for Demography and Social Studies of the National Academy of Sciences of Ukraine, Kyiv) wies darauf hin, dass davon ausgegangen wird, dass bis Ende April 5,3 Millionen Menschen das ukrainische Staatsgebiet verlassen haben.
Flüchtlinge sind vor allem Frauen
Dabei wird die Fluchtbewegung aus der Ukraine ins Ausland überwiegend von Frauen dominiert, betonte Dr. Marie McAuliff (Migration Research Division, International Organization for Migration, Geneva, Switzerland). Sie wies angesichts des hohen Anteils an Frauen im Fluchtkontext unter den Vertriebenen auf die große Bedeutung der Geschlechterdimension hin.
Mehr Eigenständigkeit der ukrainischen Forschung gefordert
Angesichts der sehr herausfordernden katastrophalen Lage stellt sich aus wissenschaftlicher Sicht vor allem die Frage, welchen Beitrag die europäische Forschung zur Unterstützung der ukrainischen Forschungslandschaft leisten kann, sagte BiB-Wissenschaftler Dr. Sebastian Klüsener.
Wie die Beziehungen aus Sicht der ukrainischen Forschung vertieft werden können, erläuterten Dr. Ella Libanova (National Academy of Sciences of Ukraine, Kyiv) sowie Natalia Kharchenko vom Kyiv International Institute of Sociology (KIIS). Beide plädierten für eine gezielte Unterstützung durch die internationale Forschungslandschaft, damit die Wissenschaft in der Ukraine aus dem Schatten der bisherigen russischen Dominanz heraustreten kann.
Was kann Europa tun?
Welchen wesentlichen Beitrag die EU bei akademischen Brückenschlägen mit der Ukraine leisten kann, machte Rūta Žarnauskaitė (European Commission, Brussels) deutlich. Sie stellte wichtige Fördermöglichkeiten und Arbeitsprogramme der EU vor, von welchen die Ukraine profitieren kann.
Die große Bedeutung internationaler Stiftungen für die Unterstützung ukrainischer Forscherinnen und Forscher betonte Dr. Wilhelm Krull (VolkswagenStiftung, Hamburg) − und zwar nicht nur für die Geflüchteten, sondern auch für die Zurückgebliebenen.
