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Forschen und Verstehen: Wie kann sich die Erwachsenenbildung gegen Demokratiefeindlichkeit wehren?

Forschen und Verstehen: Wie kann sich die Erwachsenenbildung gegen Demokratiefeindlichkeit wehren?

Source: Universitat Hamburg2. September 2026, von Grotlüschen/Red.

Foto: UHH/Hansen
Prof. Dr. Anke Grotlüschen

Die UHH ist wissenschaftliche Heimat von mehr als 6.200 Forschenden. Alle zwei Wochen geben wir in der Reihe „Forschen und Verstehen“ im Hamburger Abendblatt Einblick in ihre Arbeit. In dieser Folge erklärt Prof. Dr. Anke Grotlüschen, wie Bildungseinrichtungen gute Strategien gegen Demokratiefeindlichkeit entwickeln können.
Mein Forschungsschwerpunkt ist die Erwachsenenbildung, insbesondere die Alphabetisierung und Grundbildung. Dafür arbeite ich eng mit Einrichtungen wie der Volkshochschule zusammen, die entsprechende Bildungsangebote machen. Im Gespräch hört man immer häufiger, dass sich die kommunalen Volkshochschulen in kleinen Landkreisen mit hohem anti-demokratischen Wahlpotenzial fragen: Mit wem eröffne ich das Semester? Wer schreibt das Vorwort für mein Bildungsprogramm? Muss ich mit einem Kommunalpolitiker auf ein Pressefoto, obwohl er rechtsextreme Ansichten hat und mein Bildungshaus am liebsten schließen würde? 
Wir haben daher das Citizen-Science-Projekt „Wehrhafte Demokratie im Bildungswesen“ gestartet, um zu erforschen, wie sich Institutionen der Erwachsenenbildung gegen den Druck der extremen Rechten wehren können. Verschiedene Bildungsverantwortliche aus Politik, Kirche, Gewerkschaft, Kultur und Schule arbeiten dafür mit uns zusammen. Über eine umfassende Online-Befragung konnten wir insgesamt 57 Fallberichte erstellen und aus diesen Gegenstrategien ableiten. Durch den Abgleich mit Befunden aus der Forschungsliteratur konnten wir Chancen und Grenzen der einzelnen Herangehensweisen herausarbeiten. 
Warum plötzlich auch Kurse wie Acrylmalen oder Nähen bedroht sein könnten
Dazu muss man wissen, dass extrem rechte Parteien gegen alle Bildungsangebote vorgehen, die demokratisch, nachhaltig, vielfältig oder inklusiv sind. Das gilt nicht nur für Integrationskurse oder Vorträge zum Klimawandel, sondern auch für Kurse wie Nähen oder Acrylmalen, denn hier findet Demokratiebildung im Kleinen statt. Aus der internationalen Forschung wissen wir, dass nach ein oder zwei rechtspopulistischen Legislaturperioden viele dieser Kurse entweder gekürzt oder durch traditionalistische Inhalte überlagert sind. Das Argument der anti-demokratischen Parteien bei angedrohten Klagen, parlamentarischen Anfragen und Diskussionen um Mittelkürzungen ist oft, die Angebote seien nicht ‚neutral‘. 
In unserer Forschung erweist sich hier beispielsweise eine klare Darstellung der rechtlichen Lage als sehr hilfreich. Denn parallel zum Beamtenstatusgesetz ergibt sich aus dem Grundgesetz für alle Menschen, die bei öffentlichen Bildungsträgern arbeiten, der der Auftrag und die Verpflichtung, jeden Angriff auf die Demokratie zu kritisieren und zu verhindern. Das ist in der Praxis natürlich besonders für die Personen vor Ort eine große Aufgabe.
Auch Orte des Austauschs benötigen klare Grenzen
Hier konnten wir zeigen, dass ein starkes, offen kommuniziertes Leitbild hilft, das Stören von Veranstaltungen konsequent und schnell zu unterbinden. Und obwohl sich die Angebote der Erwachsenbildung explizit als Orte des Austauschs verstehen – auch mit jenen, die überlegen, ihr Kreuz bei einer rechtsextremen Partei zu machen – müssen klare Grenzen gelten, etwa wenn sich Argumente im Kreis drehen. Dann wirken mitunter nur noch Brandmauerstrategien, zum Beispiel Rede-, Kurs- oder Hausverbote. Und nicht selten sind es auch kleine, kreative Lösungen: Nicht jede rechtsextreme Schmiererei muss mit hohen Kosten entfernt werden, wenn man einen passenden Aufkleber zur Hand zu hat.
Wir schauen uns in unserem Projekt übrigens ganz verschiedene Bereiche der Erwachsenenbildung an, auch die betriebliche Weiterbildung: Macht ein Unternehmen noch Führungstrainings für Frauen? Gibt es Diversitätsprogramme und Antirassismus-Trainings? In den USA hat man gesehen, dass einige Betriebe die Programme sofort nach dem Amtsantritt von Donald Trump gestrichen haben, andere haben sie umbenannt und wieder andere starten sie jetzt erst recht. Wir konnten durch die Analyse unserer Fallbeispiele zeigen, dass Betriebsvereinbarungen dabei helfen können, eine gemeinsame Haltung sowie den Einsatz für Demokratie zu stärken. Auch sichtbare Statements der Chefetage haben Wirkung. 
Der Transfer unserer Ergebnisse war durch unseren Citizen-Science-Ansatz von Beginn an integriert. Der Deutsche Volkshochschul-Verband etwa hat inzwischen die Initiative „vhs demokratiestark“ gestartet, um die Volkshochschulen als Orte der Demokratie gezielt zu stärken. Und auch von anderen Partnerinnen und Partnern bekommen wir die Rückmeldung, dass der Austausch über die Herausforderungen als sehr hilfreich empfunden wird. Die Träger der Einrichtungen entwickeln daraus eine gemeinsame wehrhafte Haltung – und wir können sie mit unseren Erkenntnissen aus der Wissenschaft unterstützen.

MIL OSI