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Moot Courts: „Die Erfahrung bringt viele Studierende weiter als ein Auslandssemester“

Moot Courts: „Die Erfahrung bringt viele Studierende weiter als ein Auslandssemester“

Source: Universitat Hamburg31. August 2026, von Claudia Sewig

Foto: Jessup-ILSA
Das Team der Universität Hamburg beim diesjährigen Philip C. Jessup International Law Moot Court in Washington: Coach Dariush Nashir, Teilnehmerin Katharina Jäger, Teilnehmerin Zoë-Maria Kern, Teilnehmer Benedikt Bieber, Teilnehmerin Maria Lourdes Warweg und Coach Laura Diao (v.l.n.r.).

Praxisnah, international und kooperativ: Im Rahmen sogenannter Moot Courts simulieren Studierende der Rechtswissenschaft Gerichtsverhandlungen zu einem fiktiven Fall. Prof. Dr. Markus Kotzur, Professor für Europa- und Völkerrecht an der Universität Hamburg und Prodekan für Internationales der Fakultät Rechtswissenschaft, erklärt im Interview, worum es dabei genau geht – und welche großen Vorteile die Teilnahme für Studierenden bringen.
Wie und wo sind Moot Courts entstanden?
Moot Courts kommen aus den USA. In der Ausbildungspraxis an den amerikanischen Law Schools sind Verhandlungssimulationen vor Gericht ein Pflichtprogramm. Die Studierenden bekommen dafür eine Note, als Teil der Prüfungsleistungen. Und oft absolvieren sie nicht nur einen Moot Court, sondern müssen das in unterschiedlichen Rechtsgebieten tun. So gut wie jede amerikanische (private) Universität, die rechtswissenschaftlich ausbildet, hat daher auch einen Raum, der eingerichtet und ausgestattet ist wie ein Gerichtssaal. Da können sich die Studierenden aufnehmen lassen und sich hinterher die Videos angucken, um ihre Körpersprache und Rhetorik zu kontrollieren. So hat es angefangen –  erst später kam dann die Idee auf, dass man das auch mit großen internationalen Szenarien und in einer Wettbewerbssituation machen könnte.
Und daran beteiligt sich auch die Universität Hamburg.
Genau – und das nicht nur an einem Moot Court! Neben unseren beiden größten Moot Courts, dem  Willem C. Vis International Commercial Arbitration Moot, der das internationale Privatrecht und das vergleichende Zivilrecht betrifft, und der Philip C. Jessup International Law Moot Court Competition zum Völkerrecht gibt es zum Beispiel auch Moot Courts in den Bereichen Arbeitsrecht, Steuerrecht, Strafrecht oder Verfassungsrecht.
Wie laufen Moot Courts konkret ab?
Es geht um simulierte Gerichtsverhandlungen, die sich häufig an echten Fällen, an echten Fallkonstellationen oder an ganz aktuellen Rechtsproblemen orientieren, die also tatsächlich irgendwann einmal vor den Gerichten verhandelt werden könnten. Die Studierenden argumentieren für die Parteien, das heißt, sie nehmen die anwaltliche Perspektive ein. Beispielsweise beim Jessup Moot Court vertreten sie einen Staat vor dem Internationalen Gerichtshof, der mit einem anderen Staat eine Streitigkeit austrägt. Der Höhepunkt eines solchen Moot Courts ist die Verhandlung, die dann vor einem Gericht simuliert wird. Das ist kein reines Theater, sondern als Richterinnen und Richter sitzen da Kolleginnen, die das wirklich von ihrer Expertise her abdecken.
Es wäre jetzt eine falsche Vorstellung, zu glauben, dass sich ein Moot Court in diesem praktischen Höhepunkt erschöpft, sondern die eigentliche Arbeit im Moot Court ist die Vorbereitung der Schriftsätze. Dafür müssen sich unsere Studierenden fast ein halbes Jahr Zeit nehmen. Sie bekommen deshalb auch ein Urlaubssemester gewährt, das auf ihre Examensvorbereitungszeit angerechnet wird. Sie müssen in der Zeit keine Prüfungsleistungen erbringen, sondern können sich in ihrem Team ganz auf den Schriftsatz konzentrieren. Das entspricht ziemlich genau der Arbeitssituation in einer großen Anwaltskanzlei.
Etwas, was man sonst im Studium der Rechtswissenschaft so nicht lernt?
Nein, im Studium arbeiten die Studierenden weitestgehend alleine. Wenn Anwältinnen und Anwälte ein großes Verfahren vor einem internationalen Gericht vertreten, dann sind sie ein Team von Leuten, das sich drei, vier Monate mit nichts anderem beschäftigt. Und genau das lernen die Studierenden in den Moot Courts: Sie recherchieren und sie schreiben die Schriftsätze. Und gehen dann damit in die Gerichtsverhandlung.
Wer betreut die Teilnehmenden in dieser langen Phase?

Prof. Dr. Markus Kotzur. Foto: Büro Kotzur

Sie werden von Coaches aus unserer Fakultät betreut, jeweils aus den entsprechenden Fachgebieten. Bei den Trainings für die Gerichtsverhandlungen arbeiten wir mit vielen Kolleginnen und Kollegen aus Anwaltskanzleien in Hamburg zusammen, und das ist oft die schönste Phase für die Teilnehmenden. Sie werden dann in die Kanzleien eingeladen, können vor echten Anwältinnen und Anwälten diese Fälle vortragen und bekommen dann auch Tipps von Profis, die selber regelmäßig vor Gericht stehen. Zusätzlich versuchen wir, allen ein Rhetorikseminar zu ermöglichen.
Und dann geht es in den Wettkampf mit den anderen Teams aus aller Welt.
Ja. Bei den beiden ganz großen Moot Courts, dem Vis und dem Jessup, sind Universitäten aus der ganzen Welt eingeladen sind. Es gibt einen Fall pro Jahr, der weltweit an alle Akteure verschickt wird und dann nehmen alle Universitäten, die wollen, an diesem Wettbewerb teil. Im Jessup etwa sieht das so aus, dass der Fall jetzt im September bekanntgegeben wird. Dann haben die Universitätsteams bis zur ersten Januarwoche Zeit, daran zu arbeiten. Es folgt ein knapper Monat zum Trainieren und dann finden nationale Endausscheidungsrunden statt. Die besten zwei bis drei Teams, je nach Größe des Landes und je nach Teilnehmerzahl, haben dann die Möglichkeit, bei diesem Moot Court dank Trumps restriktiver Visapolitik 2027 erstmals nach Toronto zu reisen und dort an der internationalen Endausscheidung teilzunehmen, wo sie gegen hunderte von Teams aus allen Universitäten weltweit antreten. In diesem Jahr durfte unser UHH-Team noch an der Endausscheidung in Washington teilnehmen. Die hohen Teilnahmekosten konnten wir erneut durch die großzügige Unterstützung aus unserem Alumni-Verein von ehemaligen Jessup-Mitgliedern und von etlichen Kanzleien bzw. privaten Sponsoren in Hamburg decken.
Was bringt die Teilnahme allen Beteiligten?
Die Studierenden lernen aus Eigeninitiative heraus einen komplexen Schriftsatz zu recherchieren und zu schreiben, das sprachlich entsprechend darzustellen und sich dabei im Team abzustimmen und gegenseitig zu motivieren. Das bringt sie unglaublich weiter. Wir sehen oft, dass Examensergebnisse unserer Moot-Court-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer überdurchschnittlich hoch sind. Weil sie nicht nur Selbstbewusstsein gewinnen, sondern weil sie genau das eingeübt haben, was man später auch für selbstständiges Lernen, für eine selbstständige Examensvorbereitung braucht. Die Teilnahme an einem Moot Court bedeutet deutlich mehr Arbeit und deutlich weniger Party als ein Auslandssemester. Aber die Erfahrung, die einen dann für internationales Arbeiten im Team vorbereitet, bringt die meisten oft tatsächlich weiter als ein Semester im Ausland.
Da alle großen internationalen Moot Courts in englischer Sprache ausgetragen werden, sind die Leute, die das gut machen, natürlich auch sehr attraktive spätere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Somit ist das Engagement der beteiligten Kanzleien nicht nur reiner Altruismus. Sie haben ein Interesse daran, mit engagierten Studierenden in den Austausch zu kommen, um später mit ihnen vielleicht einmal gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewinnen zu können.
Wann ist die beste Phase im Studium für eine Teilnahme?
Für mich ist es die Idealsituation, wenn die Studierenden mit dem Grund- und Hauptstudium fertig sind und vor dem Schwerpunkt stehen. Manche machen es schon nach dem Grundstudium, das ist die früheste Phase, sie funktioniert bei entsprechender Motivation auch wunderbar. Und in ganz seltenen Fällen wollen Studierende nach dem Schwerpunkt teilnehmen. Wer die Examensvorbereitungsphase angefangen hat, sollte aber nicht mehr an einem Moot Court teilnehmen. Es ist ein wenig wie beim Sport: Wer das Training kurz vor dem Wettkampf unterbricht, muss meistens wieder von vorne anfangen.

MIL OSI