Source: NABU – Naturschutzbund DeutschlandDie Grundnessel ist Wasserpflanze des Jahres 2026
Wir sehen sie gern beim Tauchen, aber meistens sind die Wasserpflanzen nur Kulisse. Dabei können sie ziemlich erstaunliche Sachen. Deshalb haben mehrere Tauchverbände beschlossen, eine Wasserpflanze des Jahres zu küren. Diesen Titel hat sich 2026 die Grundnessel (Hydrilla verticillata) verdient.
Grundnesseln im Goldberger See (Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide, Mecklenburg-Vorpommern) – Foto: Markus Esser/VDST
Grundnessel im Werbellinsee bei Eberswalde (Brandenburg) – Foto: Silke Oldorff
Mit der Wahl der Grundnessel wird eine botanisch einzigartige und ökologisch höchst anpassungsfähige Art gewürdigt, die durch ihre faszinierenden Überlebensstrategien und ihre weltweite Verbreitung ein Paradebeispiel für die Dynamik von Ökosystemen ist. Was kann diese faszinierende Pflanze?
Die Grundnessel ist die einzige Art innerhalb ihrer Gattung. Als stets untergetauchte (submerse) Wasserpflanze hat sie Mechanismen entwickelt, die sie in den verschiedensten Lebensräumen gedeihen lassen. Besonders hervorzuheben ist ihre Strategie zur Überwinterung: In gemäßigten Zonen bildet sie spezialisierte Winterknospen (Turionen) aus. Diese knollenartigen Organe lösen sich im Herbst von der zerfallenden Mutterpflanze, sinken zu Boden und ermöglichen im Frühjahr einen schnellen Neuaustrieb. Zudem kann sie sich extrem effizient über abgebrochene Stängelfragmente verbreiten, die bereits nach kurzer Zeit neue Wurzeln schlagen.
Einzigartige Überlebensstrategien und weltweite Verbreitung
Hydrilla verticillata kann an unglaublich vielen verschiedenen Standorten wachsen. Sie gedeiht in sauren, nährstoffarmen bis hin zu stark alkalischen oder nährstoffreichen Gewässern und zeigt eine hohe Toleranz gegenüber organischer Verschmutzung.
Wasserpflanze des Jahres 2026: Anpassungsfähigkeit in einer wandelnden Welt
Der Verband Deutscher Sporttaucher (VDST), der Tauchsportverband Österreich (TSVÖ), der Schweizer Unterwasser-Sport-Verband (SUSV) und die Confédération Mondiale des Activités Subaquatiques (CMAS) den Titel „Wasserpflanze des Jahres 2026“ an die Grundnessel (Hydrilla verticillata) vergeben.
Die Ernennung hat das Ziel, die Pflanze bekannter zu machen. So lernen mehr Taucher, die seltene Grundnessel von der oft ähnlichen, weit verbreiteten Wasserpest (Elodea) zu unterscheiden. Außerdem soll ein besseres Verständnis für die Rolle von Makrophyten bei der Sauerstoffanreicherung und Nährstoffbindung in Seen entstehen, was dem Gewässerschutz dient. Das Beispiel USA soll die für die Risiken einer Verschleppung invasiver Arten durch menschliches Handeln sensibilisieren.
„Hydrilla verticillata ist ein biologisches Hochleistungssystem. Ihre Ehrung rückt eine Pflanze in den Fokus, die uns viel über die Anpassungsfähigkeit der Natur in einer sich wandelnden Welt lehren kann“, so das Begründungsschreiben des Gremiums.
Die Grundnessel hat ein ungewöhnlich großes Verbreitungsgebiet über mehrere Kontinente hinweg. Ihre ursprüngliche Heimat umfasst große Teile der Alten Welt: Asien, Australien, Afrika und Europa. Während sie in Deutschland offiziell als sehr selten gilt und in einzelnen Bundesländern als verschollen galt, konnte sie im Rahmen des Naturschutztauchens, einem Citizen-Science-Projekt des Verband Deutscher Sporttaucher (VDST) und des NABU, in über 20 Seen nachgewiesen werden. Ihre Verbreitungsgeschichte in Europa ist Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen.
Nach dem Tauchgang – Foto: NABU/Volker Gehrmann
Gleichzeitig zeigt die Pflanze in anderen Teilen der Welt, insbesondere in den USA, ein aggressives invasives Wachstum. Hier bildet sie dichte Matten, die den Bootsverkehr behindern und einheimische Arten verdrängen können. Diese „zwei Gesichter“ der Pflanze – als nützlicher Sauerstoffproduzent und effizienter Nährstoffabsorber einerseits und als dominantes „Wasserunkraut“ andererseits – machen sie zu einem idealen Botschafter für die Erforschung globaler Pflanzenwanderungen.
Bedeutung für Aquaristik und Forschung
In der Aquaristik ist besonders die Varietät Hydrilla verticillata var. crispa bekannt, die durch ihre stark gekräuselten Blätter auffällt. Sie gilt als anspruchslos, kommt mit wenig Licht aus und hilft durch ihre hohe Photosyntheserate, das Wasser sauber zu halten und das Algenwachstum zu unterdrücken. Die wissenschaftliche Erforschung ihrer genetischen Variabilität und ihrer Fortpflanzungsbiologie – bei der die männliche Blüten sich wie kleine Boote an die Wasseroberfläche lösen, um die weiblichen Blüten zu bestäuben – fasziniert Botaniker seit Generationen.
Silke Oldorff
Projekt Naturschutztauchen
