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Forschen und Verstehen: Sagt man taub oder gehörlos?

Forschen und Verstehen: Sagt man taub oder gehörlos?

Source: Universitat Hamburg9. Juli 2026, von Paulus/Red.

Foto: UHH/Feuerböther

Die UHH ist wissenschaftliche Heimat von mehr als 6.200 Forschenden. Alle zwei Wochen geben wir in der Reihe „Forschen und Verstehen“ im Hamburger Abendblatt Einblick in ihre Arbeit. Warum das Gebärdensprachendolmetschen so wichtig ist, erklärt Prof. Dr. Liona Paulus in der aktuellen Ausgabe.
Wer nicht selbst taub ist, taube Angehörige hat oder in einem Beruf arbeitet, in dem er oder sie mit tauben Menschen zu tun hat, weiß oft wenig über das Leben und die Kommunikation tauber Menschen. Taub – sagt man das überhaupt? Ja, beide Begriffe, taub und gehörlos, sind richtig. Wichtig ist, dass man den Begriff „taubstumm“ auf keinen Fall verwendet. Dieser ist diskriminierend, weil es bedeuten würde, dass die Person gar keine Sprache hat. Das stimmt aber ja nicht.
Eines der häufigsten Missverständnisse, mit denen sich gehörlose Menschen auseinandersetzen müssen, ist dieses: „Ihr seid zwar taub, aber ihr könnt doch Untertitel lesen und braucht dann ja kein Gebärdensprachdolmetschen“. Gebärdensprache und Schriftsprache sind aber zwei völlig unterschiedliche Dinge, also zwei Sprachen in unterschiedlicher Form. Die Deutsche Gebärdensprache (DGS), seit 2002 als rechtlich eigenständige Sprache anerkannt, hat eine eigene Grammatik, die nicht identisch mit der deutschen Lautsprache ist. Die DGS ist aus syntaktischer Sicht eher dem Chinesischen ähnlich als dem Deutschen. Oft wird über Taube gedacht, dass sie nicht kompetent sind, wenn in ihrer Schriftsprache die Grammatik nicht stimmt. Für Taube ist Deutsch meist eine Fremdsprache. Deshalb ist der Einsatz von Dolmetschern für DGS und Deutsch wichtig.
DGS wurde jahrhundertelang nur mündlich tradiert
Seit 2023 beschäftige ich mich an der Universität Hamburg mit dem Gebärdensprachdolmetschen, der Gestenforschung sowie der Dokumentation und der Erforschung der DGS. Wir haben hier mit dem DGS-Korpus ein Langzeitprojekt etabliert: Dafür werden seit 2008 gebärdensprachliche Texte von mehr als 300 tauben Personen in Videos gesammelt und dokumentiert. Ich möchte noch mehr über diese Videos die DGS erforschen, etwa neue Gebärden oder neue Textsorten (neben Erzählungen auch Witze, Monologe u.a.).
Da die DGS jahrhundertelang nur im privaten Bereich gebärdet und dafür keine Schrift entwickelt wurde, wurde die DGS nur mündlich tradiert und besaß ein privates Register bzw. Textsorten. Mit dem Aufkommen von besser ausgebildeten tauben Personen, dem vermehrten Einsatz von Dolmetschenden und der Videotechnik als Schriftersatz entwickeln sich gerade weitere nicht-private Register und Textsorten. Beispiele dafür sind die Bildungssprache an den Gehörlosenschulen und in der Kunst- und Kulturvermittlung oder die Fachsprache in den unterschiedlichen Feldern wie Medizin, Linguistik, Flugzeugtechnik oder Verwaltungswesen, wo vermehrt taube Personen studieren bzw. arbeiten und DGS gebärden.
Die verschiedenen Register und Textsorten weisen Merkmale auf, die diese von anderen bisherigen DGS-Texten unterscheiden, und das möchte ich erforschen und beschreiben, etwa wie die DGS unter tauben und schwerhörigen Schüler:innen, auch im Dialog mit Lehrkräften, oder unter den tauben und schwerhörigen Techniker:innen oder Mediziner:innen aussieht. Solche Orte in Hamburg, wo diese neuen Register verwendet werden, sind etwa die Elbschule, Airbus, der Museumsdienst, Kampnagel, Beiersdorf, das UKE und natürlich auch die Universität Hamburg in den geistes- und erziehungswissenschaftlichen Fakultäten und in anderen Studienfächern, um einige Beispiele zu nennen.
Viele taube und schwerhörige Menschen sind mit Sprachdefiziten aufgewachsen
Warum viele taube Menschen keinen Zugang zur Schriftsprache erhalten haben, kann man anhand unseres Bildungssystems erklären. Dieses war lange Zeit darauf fokussiert, tauben und schwerhörigen Menschen das Sprechen beizubringen. Bei den einzelnen Wörtern, die diese Menschen dann gelernt haben, war ihnen die Bedeutung manchmal gar nicht klar. Man nennt das lautsprachlich-fixiert, es ging also eher um die Reproduktion der Wörter, als um das Verständnis. DGS war dabei verboten gewesen. Dadurch sind viele taube und schwerhörige Menschen mit Sprachdefiziten und daraus resultierenden psychischen und finanziellen Nachteilen aufgewachsen.
In den 1980ern begann die Anerkennung der DGS als eigene Sprache – unter anderem initiiert vom IDGS in Hamburg, dem ältesten Institut seiner Art in Deutschland, das nächstes Jahr sein 40-jähriges Jubiläum feiert.

MIL OSI