Source: Universitat Hamburg25. Juni 2026, von Recker/Red.
Foto: UHH/Esfandiari
Die UHH ist wissenschaftliche Heimat von mehr als 6.200 Forschenden. Alle zwei Wochen geben wir in der Reihe „Forschen und Verstehen“ im Hamburger Abendblatt Einblick in ihre Arbeit. Wie auch herstellende Betriebe verantwortungsvoll grüner werden können, erklärt Prof. Dr. Jan Recker in der aktuellen Ausgabe.
In der Diskussion darum, wie wir nachhaltig leben können, kommt die Frage des digitalen Fußabdrucks oft gar nicht vor. Viele kennen wahrscheinlich noch „Flugscham“, also den Wunsch, als ökologischere Transportalternative mehr Bahn zu fahren. Von „Handyscham“ oder „Zoomscham“ reden wir aber nie. Das ist paradox, da die IT-Branche für geschätzt drei bis vier Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich ist, während der Flugverkehr auf etwa zwei Prozent geschätzt wird. Auch im enorm wachsenden Bereich der künstlichen Intelligenz wird die ökologische Verantwortung – wenn überhaupt – nur nebenbei thematisiert wird, obwohl eine KI-Anfrage etwa zehnmal mehr Strom benötigt als eine herkömmliche Google-Suche.
Digitalisierung bietet aber auch enorme Möglichkeiten, nachhaltiger zu arbeiten und zu wirtschaften: Dienstreisen können durch virtuelle Termine reduziert werden und Produkte digital besser nachverfolgt werden, um Recycling und Re-Use zu fördern. Im Fokus meiner Forschung steht daher die Frage, wie Firmen digitale Mittel einsetzen können, um nicht nur ökonomisch erfolgreich, sondern auch ökologisch verantwortungsvoll zu agieren. Diese Balance zwischen Nutzen und Kosten ist der Kern einer umfassend verstandenen digitalen Verantwortung.
Besondere Herausforderungen: Rohstoffe, Energie sowie Lager- und Transportsysteme
Mit meinem Team konzentriere ich mich unter anderem auf industrielle, herstellende und verarbeitende Betriebe. Das Besondere an diesem traditionellen, als „Wachstumsmotor“ Deutschlands bekannten Sektor ist, dass man hier nicht einfach alle Abläufe digitalisieren kann: Viele dieser Firmen brauchen Rohstoffe und Energie und haben Lager- und Transportsysteme. Das kann man nicht einfach „online“ machen. Wie kann man unter diesen besonders erschwerten Bedingungen also digitaler und nachhaltiger werden?
Um das herauszufinden, bedienen wir uns klassischer Methoden der empirischen Sozialforschung. Im ersten Schritt haben wir herstellende und verarbeitende Betriebe identifiziert, die Digitalisierungsvorhaben umsetzen und nachweislich „grüner“ geworden sind. Dann schauen wir uns vor Ort die Arbeitsabläufe an. Parallel werten wir Dokumente zu Umsatz- und klimarelevanten Kennzahlen aus. Natürlich sprechen wir auch mit den Beschäftigten. Im Zeitverlauf können wir so rekonstruieren, welche Maßnahmen angewendet wurden, wie sie die Produktion verändert haben und ob ein messbarer Effekt im Sinne der Nachhaltigkeit erzielt wurde. Das ist natürlich für andere, ähnlich arbeitende Firmen sehr interessant.
Reale Infrastruktur muss digitale Nachhaltigkeit fördern
In einer aktuellen Studie konnten wir zeigen, dass es in diesem Bereich nicht reicht, einfach nur einen Bestell- oder Abrechnungsvorgang zu digitalisieren. Vielmehr muss digitale Nachhaltigkeit ganzheitlich gedacht und durch eine reale, physische Infrastruktur gefördert werden, etwa indem der IT-Bereich unter ökologischen Aspekten neugestaltet und unnötige Neuanschaffungen reduziert werden. Auch der Einsatz erneuerbarer Energie ist ein wichtiger Schritt. Im Gegenzug werden durch diese ökologisch effiziente Digitalisierung substanzielle Einsparungen bei der Nutzung physischer Ressourcen wie Hallen, Maschinen, Benzin oder Fahrzeugen möglich gemacht.
So konnte ein Unternehmen in unserer Studie ihre Versorgungsfahrten zum Beliefern von Filialen und Lagern mit Material substanziell optimieren, indem digital lesbare Chips an ihren Produkten befestigt wurden. Durch algorithmische Analysen und intelligente Nutzung des Datenflusses können nun Leerfahrten vermieden, Routen optimiert und Bestandsmengen kleingehalten werden.
Man sieht also, dass das für Unternehmen kein triviales Thema ist. Digitalisierungs- und Nachhaltigkeitsmaßnahmen erfordern Investitionen und rentieren sich oft nicht sofort, sondern erst im Zeitverlauf. Im Spannungsfeld zwischen ständigem Wachstum und Bewahrung von Ressourcen eine gelungene Balance zu finden, ist anspruchsvoll. Doch unsere Arbeit zeigt: Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind auch im industriellen Mittelstand durchaus machbare und auch lohnenswerte Ziele.
