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Stress und Zyklus: Wie zwei Studentinnen weibliche Perspektiven in die Forschung bringen

Stress und Zyklus: Wie zwei Studentinnen weibliche Perspektiven in die Forschung bringen

Source: Universitat Hamburg17. Juni 2026, von Lennart Wichmann

Foto: privat
Die Psychologie-Studentinnen Veronika Zöbelin (l.) und Lara Kubotsch leiten ein eigenes Forschungsprojekt zum weiblichen Zyklus.

Wie beeinflusst der weibliche Zyklus das Stressempfinden? Zwei Psychologie-Studentinnen der Universität Hamburg gehen dieser Wissenslücke in einem mit Exzellenzmitteln geförderten Forschungsprojekt auf den Grund. Im Interview sprechen Veronika Zöbelin und Lara Kubotsch über den „männlichen Prototyp“ in der Wissenschaft, die Herausforderung eines eigenen Projekts neben dem Studium und den Rückhalt auf dem Campus.
Sie forschen zum Thema Stress und Menstruationszyklus. Wie kamen Sie auf dieses Thema?
Veronika Zöbelin: Der Impuls kam während meiner Bachelorarbeit, in der es um Stress und Gedächtnis ging. In einem Kapitel ging es auch um den Zyklus und Geschlechtshormone. Bei der Literaturrecherche war ich jedoch überrascht: Es gibt kaum Studien, die sich mit dem subjektiven, aber auch dem objektiv messbaren Stresslevel im Zyklusverlauf auseinandersetzen. Die Methoden sind sehr lückenhaft. Dabei könnte bereits ein simples Design ein vertieften Einblick liefern.
Warum ist dieses Thema in der Wissenschaft bisher so kurz gekommen?
Lara Kubotsch: Bisher wurde in der Forschung, nicht nur in der Psychologie, die weibliche Perspektive häufig vernachlässigt. Das heißt, es wurde sich eine männliche Perspektive angeschaut und Frauen einfach mit ihnen in einen Topf geworfen. Forschung an und mit dem Zyklus ist daher insgesamt noch recht neu. Das bedeutet aber auch, dass sich die Methode erst stückweise entwickelt. Vorherige Studien, die sich Stress und Zyklus anschauen, haben methodisch den Zyklus nur sehr vereinfacht dargestellt und sehr grob in Phasen eingeteilt. Daran wollten wir anknüpfen und sowohl Zyklus als auch Stress kontinuierlich messen, um verlässlichere Aussagen treffen zu können und die Forschung ein Stück voranzubringen.
Zöbelin: Das klassische Narrativ lautet: Die Follikelphase – also die erste Zyklushälfte von der Periode bis zum Eisprung – ist für die Stimmung besser als die zweite Zyklushälfte, die Lutealphase. Dabei wird oft gar nicht untersucht, woran das eigentlich liegen könnte. Hormonell sind die Schwankungen von Östrogen und Progesteron so groß, dass eine differenzierte Betrachtung des Zyklus notwendig scheint.
Wie untersuchen Sie nun, wie diese Hormonphasen und das Stressempfinden zusammenhängen?
Zöbelin: Aktuell stehen wir kurz vor der Datenerhebung. Wir begleiten insgesamt 60 Teilnehmerinnen über jeweils einen Monat: 40 Personen mit natürlichem Zyklus und 20 weitere als Kontrollgruppe mit hormoneller Verhütung. Diese Vergleichsgruppe haben wir hinzugefügt, um zu sehen, wie sich das Stressempfinden verhält, wenn man hormonelle Schwankungen durch Kontrazeptiva (empfängnisverhütende Mittel) kontrolliert.
Die Personen nutzen einen Tracker, der kontinuierlich die Kernkörpertemperatur misst und während des gesamten Zyklus – außer während der Menstruation – im Körper verbleibt. Anhand dieser Tracker kann dann sehr genau ausgewertet werden, an welchem Punkt im Zyklus sich die Teilnehmerin befindet. Zudem beantworten die Teilnehmerinnen jeden Tag einen kurzen Fragebogen dazu, wie gestresst sie sich im Alltag gefühlt haben und wie hoch ihre Stressoren waren. Mit den gewonnen Daten werden bei Personen mit einem natürlichen Zyklus systematische Schwankungen ihres Stressempfindens über den Monat hinweg untersucht.
Sie führen das Projekt zu zweit neben dem Studium durch. Wie gelingt Ihnen das?
Zöbelin: Das Projekt bietet uns eine gute Möglichkeit, uns in der Forschung auszuprobieren. Ich vergleiche es gerne mit einem kleinen Probe-Promotionsprojekt. Obwohl das Projekt uns viel Freude bereitet, geht es mit viel Aufwand neben dem Studium einher. Allein die administrativen Dinge, die Anträge und die Rekrutierung der Versuchspersonen sind aufwendiger als gedacht.
Kubotsch: Da wir ja für ein Jahr gefördert werden, haben wir versucht, uns die Aufgaben in entsprechende Abschnitte einzuteilen, um das Projekt so Stück für Stück angehen zu können. Gleichzeitig haben wir uns einmal in der Woche einen festen Termin angewöhnt, um uns auszutauschen und die neuen Aufgaben aufzuteilen, was sehr hilfreich ist.
Was wir unterschätzt haben, sind die bürokratischen Vorgänge, die zu einer solchen Forschung dazugehören. Da wir mit Menschen arbeiten, ist ein detaillierter Ethikantrag verpflichtend, der offiziell geprüft werden muss. Wenn dann noch Anpassungen und administrative Aufgaben wie Materialbestellungen hinzukommen, summiert sich das zeitlich natürlich.
Wie unterstützt die Universität Sie?
Zöbelin: Unser Betreuer Prof. Dr. Lars Schwabe hat uns in vielen Dingen geholfen, zum Beispiel beim Ethikantrag. Gleichzeitig bekommen wir enorm viel Hilfe aus dem Arbeitsbereich Kognitionspsychologie, aber auch von Herrn Rago, unserem Koordinator am Hub for Crossdisciplinary Learning (HCL). Jedes Mal, wenn wir vor einer Hürde standen, wurde uns geholfen.
Kubotsch: Was uns bei der Suche nach Versuchspersonen sehr geholfen hat, war die Unterstützung vonseiten der Studierenden. Im Psychologie-Bachelor müssen die Studierenden 30 sogenannte „Versuchspersonenstunden“ absolvieren. Wir haben unser Projekt darüber angeboten und haben mittlerweile mehr als 60 Anmeldungen. Aber auch die Interaktion mit den Teilnehmerinnen habe ich als sehr unterstützend und positiv empfunden, gerade wenn man das Gefühl hat, dass auch sie sich für das Projekt interessieren.
Wie kann Ihre Forschung den Studierenden im Alltag helfen?
Zöbelin: Wenn man mit Freundinnen im eigenen Umfeld spricht, merkt man, dass das Wissen um diese biologischen Fluktuationen viel verändern kann. Zu wissen, dass man gegen Ende des Zyklus auf kleinere Reize sensibler reagiert, schafft eine enorme Selbstakzeptanz. Man kann sich dann sagen: „Es ist völlig okay, dass ich heute nicht dasselbe Pensum schaffe wie vor zwei Wochen.“ Gerade im Unistress ist das wichtig: Wenn eine wichtige Klausur in eine ungünstige Phase fällt, der Körper biologisch gerade weniger belastbar ist und man sich nicht so fokussieren kann, dann verstärkt der Druck das Problem oft nur. Das Wissen darum schafft Akzeptanz.
Kubotsch: Die Universität ist erfreulicherweise ein Kontext, in dem für solche Themen oft mehr Verständnis existiert als an anderen Orten. Wir wollen Sichtbarkeit dafür auf dem Campus und in der Wissenschaft. Am Ende wollen wir auch die übergeordnete Frage stellen: Wo fehlt der Feminismus in der Wissenschaft? Wir wollen dieses Wissen vermitteln, damit echte Akzeptanz überhaupt erst stattfinden kann.

MIL OSI