Source: NABU – Naturschutzbund DeutschlandIm Schutz ihrer schmerzhaften Gifthaare bieten Brennnesseln zahlreichen Arten Nahrung und Lebensraum
Beim Hinschauen ist da erst mal sehr viel Grün. Auch auf den zweiten Blick. Wie im echten Dschungel dauert es eine Weile, bis sich die Augen gewöhnen und in dem scheinbaren Einerlei des Brennnesselblattwerks Formen, Farben und Bewegungen sichtbar werden.
Große Brennnessel – Foto: Helge May
Selbst kleine Brennnesselbestände bilden artenreiche Lebensräume. Die einen Arten leben von den Brennnesseln, andere ernähren sich von eben diesen Bewohnern, wieder andere suchen hier nur Schutz oder werden vom Wind auf die Stauden geweht. Neben Tieren leben auch Pilze auf den Brennnesseln, besonders auffällig sind der Brennnesselmehltau – in Form eines weißen Belags – und der Brennnesselrost. Wie viele Rostpilze wechselt der Brennnesselrost im Lauf des Jahres den Wirt, in diesem Fall sind Seggen die Zweitwirte. Die leuchtend orangen Sporenlager des Rostes an den Blattunterseiten und den Stängeln sind nicht zu übersehen, zumal sie zu bizarren Wuchsformen führen können.
Stickstoff und Proteine im Angebot
Brennnesseln gedeihen auf nährstoffreichen Böden und sind auch selbst nährstoffreich, bieten unter anderem Stickstoff und lösliche Proteine. Dabei ist der Nährstoff- und Wassergehalt bei jungen Pflanzen höher als bei alten Pflanzen, beide lassen bereits mit Beginn der Blüte deutlich nach. Die Reihe der Pflanzensaftbohrer reicht von der Nesselwanze und dem winzigen Nesselrüssler bis zu mehreren Arten von Blattläusen. Nesselrüssler und Blattläuse halten sich selten an der Pflanzenoberfläche auf. Um sie zu finden, muss man den Blattdschungel vorsichtig teilen und gebückt unter die Blätter blicken.
Von der Flussaue in den Garten: die Brennnessel im Kurzporträt
Die Brennnessel, genauer die Große Brennnessel – wissenschaftlich Urtica dioica –, ist eine mehrjährige Staude. „Dioica“ bedeutet zweihäusig, es gibt also weibliche und männliche Pflanzen. Ursprünglich zuhause in den nährstoffreichen Überschwemmungssäumen der Flussauen, hat sich die Brennnessel zur Kulturfolgerin entwickelt. Sie wächst heute fast überall, wo der Mensch für Nährstoffüberfluss sorgt, an Wegrändern, in Gärten, Weideland und Brachen.
Die seltenere Kleine Brennnessel (Urtica urens) ist dagegen einhäusig, mit weiblichen und männlichen Blüten an der gleichen Pflanze. Beide Arten haben Brennhaare, wobei die der Kleinen Brennnessel schmerzhafter sein sollen als die der Großen. Die Kanülen der glasartigen Haare enthalten eine Mischung unter anderem aus Ameisensäure, Histamin und dem Schmerzen übertragenden Acetylcholin.
Brennnesseln sind windblütig, brauchen folglich keine tierischen Bestäuber. Sie vermehren sich zudem über Wurzelausläufer. Brennnesseln wirken blutreinigend und blutbildend, junge Blätter können wie Salat oder Spinat zubereitet werden. Auch die Samen sind essbar. Aus den langen Stängelfasern wurden früher Seile, Säcke und Kleidungsstoffe hergestellt.
Buchtipps: Ludwig Fischer: Brennnesseln. Ein Portrait. – Matthes & Seitz 2017, Reihe Naturkunden. 168 Seiten. 20 Euro. ISBN 978-3957574077. / Natasja van der Meer: Brennnessel. Das Multitalent. – Ulmer 2026. 192 Seiten. 20 Euro. ISBN 978-3818627102.
Prominente Brennnesselliebhaber sind die Raupen zahlreicher Schmetterlingsarten. Je nach Zählweise kommt man auf 30 oder sogar 50 Arten, die an Brennnesseln leben und sich dort nicht mit dem Saft begnügen, sondern Blätter verspeisen und teils ganze Pflanzen entlauben. Für einige sind Brennnesseln nur Teil des Menüs, andere halten eine strenge Brennnesseldiät – daher die unterschiedlichen Zahlenangaben.
Brennnesselzünsler – Foto: Helge May
Neben Brennnesselzünsler, Achateule, Tigermotte und Schönbär ernähren sich auch allseits bekannte Tagfalter wie Kleiner Fuchs, Landkärtchen und Tagpfauenauge von Brennnesseln. Man wird diese Raupen aber kaum zusammen finden, weil sie unterschiedliche Standorte bevorzugen.
Falter mit besonderen Vorlieben
Das Tagpfauenauge etwa legt seine Eier immer an jungen Brennnesseln ab, die an einem sonnigen bis halbschattigen Ort mit hoher Luftfeuchtigkeit stehen. Die Raupen leben gesellig und fertigen ein großes Gespinst an. Erst nach der letzten Häutung geht jede Pfauenaugenraupe ihren eigenen Weg Der nah verwandte Kleine Fuchs steht gleichfalls auf Jungpflanzen, anders als beim Pfauenauge werden die Eier aber auch an Kleinstbestände abgelegt, obwohl die Raupen hier ebenso in großen Gruppen zusammenwohnen. Wer die Raupen im Garten haben will, muss seine Nesseln zwischendurch also abmähen, damit sie frisch austreiben.
Habichtsfliege mit erbeutetem Käfer – Foto: Helge May
Das Landkärtchen wiederum sucht schattige Plätze, zum Beispiel an Waldwegen, um seine grünen Eier in kleinen Türmchen an der Unterseite junger Blätter anzuheften. Dabei findet im Sommer die Eiablage auch an älteren „verholzten“ Pflanzen statt. Die fressenden Raupen sitzen immer unterhalb der Triebspitze, so dass die Brennnessel ober- und unterhalb der Raupen beblättert ist.
Vorsicht, Raubtiere!
Besonders auffällig im grünen Gestrüpp sind die bunten Marienkäfer. Während der leuchtend gelbe 22-Punkt den Mehltau abweidet, haben es Siebenpunkt, Asiatischer Marienkäfer und Lichtmarienkäfer auf die Blattläuse abgesehen. Die Käfer wiederum müssen sich vor Raubfliegen und Sichelwanzen in Acht nehmen, die als „Raubtiere“ des kleinen Dschungels ebenso auf Beute lauern wie die allgegenwärtigen Baldachin-, Krabben- und Listspinnen. Langweilig wird die Beobachtung im Lebensraum Brennnessel jedenfalls nie. Selbst an Regentagen gibt es immer etwas zu entdecken.
Helge May, aus „Naturschutz heute“ 2/2026
