Source: NABU – Naturschutzbund DeutschlandInterview mit Ökotoxikologin Anja Behrens
Im Interview erklärt Ökotoxikologin Anja Behrens, warum wir im Kampf gegen Luftverschmutzung auch in Zukunft keine Verschnaufpausen einlegen dürfen. Sie arbeitet beim Umweltbundesamt in der Abteilung Umweltmedizin und gesundheitliche Bewertung.
Warnung vor hoher Luftbelastung – Foto: Helge May
Frau Behrens, welche Luftschadstoffe sind besonders bedenklich?Die wichtigsten sind Feinstaub, Ozon und Stickstoffdioxid. Das sind auch die drei Schadstoffe, die regelmäßig gemessen und beurteilt werden und für die es Grenzwerte gibt. Je kleiner die Partikel, desto gefährlicher sind sie sehr wahrscheinlich.
Warum ist „Gemütlichkeit vorm Kamin“ gefährlich?Feinstaub stammt hierzulande hauptsächlich aus dem Verkehr und der Holzverbrennung privater Haushalte. Der Verkehr wird seit vielen Jahren reguliert, und die Abgaswerte gehen runter – was gut ist. Die Holzverbrennung hingegen steigt immer weiter an, weil viele Menschen damit sparen möchten. Viele finden es auch einfach gemütlich und feuern für diese „Gemütlichkeit“ mit Holz. Hinzu kommen Pelletheizungen, die noch immer gefördert werden und die mehr Feinstaub produzieren als Öl- oder Gasheizungen.
Durch Holzfeuerung werden auch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) freigesetzt. Sie sind gesundheitsgefährdend, da sie teils krebserregend und hormonell wirksam sind. In Deutschland entstehen sie zum allergrößten Teil aus der Holzverbrennung, weil diese in Kaminen unvollständig abläuft und der Holzrauch schlecht bis gar nicht gefiltert wird. Die Schadstoffe, die bei der Holzfeuerung entstehen, ähneln oder gleichen jenen, die auch im Tabakrauch sind. Das Umweltbundesamt spricht sich gegen eine Förderung von Holzverbrennung aus.
Welche Krankheiten entstehen durch Luftverschmutzung?Beim Einatmen gelangen Luftschadstoffe durch die Lunge in unseren Blutkreislauf und werden so in unseren gesamten Körper transportiert – über die Nase gelangen feinste Partikel sogar bis ins Gehirn. In den Organen können Entzündungsreaktionen ausgelöst werden, die dann zu verschiedenen Krankheiten führen. Die Hauptgruppen sind Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2, Demenz und Krebs. Asthma kann entstehen, die weitverbreitete Lungenkrankheit COPD oder auch Lungenkrebs. Hormonell wirksame und an Feinstaub gebundene Substanzen können das Brustkrebsrisiko erhöhen. Natürlich bekommen nicht automatisch alle Menschen, die schlechte Luft atmen, diese Krankheiten. Aber Luftverschmutzung ist für sie eben ein Risikofaktor.
Rauchender Kamin – Foto: Helge May
Wer ist besonders gefährdet?Vulnerable Gruppen sind Vorerkrankte und ältere Menschen. Wer schon an Asthma vorerkrankt ist, spürt Auswirkungen durch stärkere Asthmaanfälle. Auch Kinder sind vulnerabel, da sich ihre Lunge noch entwickelt und ihre Atemfrequenz höher ist. Dadurch nehmen sie potenziell mehr Schadstoffe auf. Schwangere sind ebenfalls empfindlich. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und verringertem Geburtsgewicht oder Frühgeburtlichkeit. Oft trifft es auch sozial Schwache, die an vielbefahrenen Straßen wohnen oder mehr auf Öfen angewiesen sind als andere. Generell gilt: Natürlich sind alle Menschen von Luftverschmutzung betroffen.
Wie kann man sich schützen?Indem man mithilft, die Luftqualität zu verbessern: den Ofen möglichst auslassen, mit seinem Umfeld über das Problem sprechen, aufs Silvesterfeuerwerk und die Feuerschale im Sommer verzichten. Fast alle Maßnahmen, die die Luftqualität verbessern, helfen auch dem Klima. Denn es geht immer darum, nichts zu verbrennen, sei es Benzin, Öl, Gas oder Holz. Und das wollen wir für den Klimaschutz ohnehin vermeiden. Der Klimawandel wiederum ist auch eine große Gefahr für unsere Gesundheit.
Wie alles zusammenhängt, zeigt einmal mehr das Beispiel bodennahes Ozon: Durch den Klimawandel steigt es vermutlich weiter an, da es aus Vorläufersubstanzen und Sonneneinstrahlung entsteht. Je mehr heiße Sonnentage, desto mehr Ozon entsteht vermutlich. Die Luftreinhaltung ist eine Erfolgsgeschichte, aber in Deutschland sterben jedes Jahr noch immer viele Tausend Menschen an Luftverschmutzung. Deshalb ist es aus meiner Sicht weiterhin wichtig, sich für diese Maßnahmen einzusetzen.
Das Interview führte Carina Neumann-Mahlkau (aus „Naturschutz heute 4/2025)
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