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Bio-Lebensmittel: Zwischen Boom und Bremse

Bio-Lebensmittel: Zwischen Boom und Bremse

Source: NABU – Naturschutzbund DeutschlandInterview mit Alnatura-Gründer und NABU-Präsident

Wieso die nächste Generation der Landwirt*innen Grund zur Hoffnung gibt, warum und wie Deutschland Bioprodukte weiter fördern muss: Ein Gespräch mit Alnatura-Gründer Götz Rehn und NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger.

Immer mehr Menschen greifen zu Bioprodukten, doch der Markt wachse zu langsam – Foto: NABU/Sebastian Hennigs

Herr Rehn, Sie sind als Pionier im Bio-Fachhandel vorangegangen. Warum setzen Sie sich für Bioprodukte und den Ökolandbau ein?
Götz Rehn: Ich bin in meiner Jugend intensiv mit den Auswirkungen des industriell geprägten Ruhrgebiets konfrontiert worden: Zechenschließungen, Massenarbeitslosigkeit, Luftverschmutzung. Das hat mich zu der Frage geführt: „Kann Wirtschaft nicht auch anders gestaltet werden?“ Zu diesem Zeitpunkt habe ich den Entschluss gefasst, ein Unternehmen zu gründen, das Sinnvolles für Mensch und Erde leistet. So bin ich auf Bio-Lebensmittel gekommen. Das ist der Ursprung und bis heute die Idee von Alnatura.
40 Jahre nach Gründung von Alnatura erlebt Bio bundesweit einen Nachfrage-Boom. Warum ist Bio so angesagt?
Rehn: Für mein Verständnis bewegt sich der Biomarkt deutlich zu langsam und weit unter seinen Möglichkeiten. Sie haben recht, wir hatten 2024 erneut Wachstum – allerdings nicht inflationsbereinigt. Der Anteil von Bio am gesamten Lebensmittelmarkt bleibt mit etwas über sieben Prozent verhältnismäßig gering. Wenn ich mir vor Augen führe, wie viele Menschen sich intensiv für den biologischen Landbau engagieren, kommen wir doch nur bescheiden voran.
In der Tat ist der Marktanteil der Bio-Läden in den letzten vier Jahren von 18,5 Prozent auf knapp 13 Prozent geschrumpft, während der Bio-Umsatz in gewöhnlichen Supermärkten und Drogerien stetig wächst. Was löst diese Entwicklung bei Ihnen aus?
Rehn: Nur vier große Händler machen fast 90 Prozent aller Lebensmittelumsätze in Deutschland. Dort finden die Verbraucher*innen seit Jahren Bio-Sortimente, die immer größer werden. Heute kann man Bio-Lebensmittel an jeder Ecke kaufen. Das hilft einerseits der Entwicklung der Bio-Märkte. Andererseits setzt es den Bio-Fachhandel unter Druck.
Was könnte eine geringere Mehrwertsteuer für Bioprodukte leisten?
Um die Nachfrage bundesweit weiter anzukurbeln, fordern einige Vertreter*innen aus der Branche, die Mehrwertsteuer auf Bioprodukte zu senken oder ganz abzuschaffen. Eine gute Idee, Herr Krüger?
Jörg-Andreas Krüger: Wenn Produkte ökologisch oder gesundheitlich einen Mehrwert haben, müssen wir diesen sichtbar machen. Sie sollten attraktiver sein als die Produkte, die ökologisch oder gesellschaftlich negative Folgen oder hohe Folgekosten haben. Deswegen kämpfen wir seit langem für Mehrwertsteuerspreizungen – also beispielsweise für höhere Mehrwertsteuersätze für Fleischprodukte bei gleichzeitiger Reduzierung bei Gemüse, weil der hohe Fleischkonsum hohe gesundheitliche Folgekosten verursacht. Obwohl das Wissenschaft und Verbände in der Zukunftskommission Landwirtschaft und der Tierwohl-Kommission empfohlen haben, verweigert sich hier die Politik bislang. Das ist unheimlich frustrierend.

Seit zehn Jahren unterstützt der NABU gemeinsam mit Partnern Landwirt*innen dabei, auf ökologische Landwirtschaft umzustellen und zeichnet Betriebe aus, Jörg-Andreas Krüger (li) & Götz Rehn (re) – Foto: Alnatura/Annika List

Rehn: Eine Mehrwertsteuer-Reform wäre sicherlich eine Maßnahme, die die Bio-Landwirtschaft unterstützen kann. Der Verkaufspreis für Bio-Lebensmittel ist allerdings schon heute günstig. Die Verkaufspreise für die Alnatura-Markenprodukte liegen 15 bis 20 Prozent unter denen bekannter großer konventioneller Markenprodukte. Um die Nachfrage nach Bio zu steigern, müssen wir die Verbraucher*innen besser informieren. Es muss klarer werden, was Bio wirklich für unser Gemeinwohl leistet. Das könnte eine große Wirksamkeit erzeugen. Die Menschen müssen erkennen können, dass das was Sinnvolles ist.
Das Bundeslandwirtschaftsministerium wollte mit der Informationskampagne „Bio? Na logo!“ die Nachfrage nach Bioprodukten in Deutschland ankurbeln. War das gut angelegtes Geld?
Rehn: Ich denke: Nein. Die Kommunikationskraft dieser Maßnahme war leider sehr gering. Auswirkungen auf den Bio-Absatz haben wir nicht festgestellt. Für das Budget hätte man lieber mehr Höfe auf Bio umgestellt.
Andere Stimmen, etwa des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), fordern indes höhere Abgaben beispielsweise auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel, auf mineralische Dünger, um in der konventionellen Landwirtschaft die wahren Produktionskosten auf die Umwelt abzubilden. Wie stehen Sie zu solchen Überlegungen?
Rehn: Die Preise auf dem Agrarmarkt sind in der Tat weit entfernt von der Wahrheit. Für die Steuerungsfunktion der Marktwirtschaft ist das nicht hilfreich. Wir haben hohe externe Kosten, die nicht bezahlt werden, sondern auf die Kund*innen und die nächste Generation umgelegt werden. Hier müssen wir faire marktwirtschaftliche Rahmenbedingungen schaffen, damit die Bio-Landwirtschaft und die agrarindustrielle Produktion miteinander in einen gerechten Wettbewerb treten können. Sicher kann man mit Geboten, Verboten und Besteuerung zusätzliche Anreize setzen.
Krüger: Auch wenn wir das Ziel der Bundesregierung von 30 Prozent Bio erreichen, müssen wir uns die Frage stellen: Was machen wir mit den restlichen 70 Prozent? Und da ist es wichtig, Anreize zu setzen, damit Pestizide geringer eingesetzt werden. Mit dem Verbot einzelner Wirkstoffe kommt man da kaum weiter, weil dann eben ein anderer Wirkstoff eingesetzt wird. Neben gezielter Förderung von Technik braucht es marktwirtschaftliche Instrumente – etwa einen Zertifikatehandel für Pestizide oder eine Abgabe auf Pestizide. Darüber haben wir auch in der Zukunftskommission Landwirtschaft breit diskutiert. Häufig reden wir jedoch viele Jahre nur über das „Ob“, ohne einfach mal Wege auszuprobieren – etwa testweise in einem Bundesland oder einer kleineren Region.

Immer mehr Bäuer*innen wollen Verantwortung übernehmen – Foto: Alnatura/Marc Doradzillo

Bio-Betriebe wären von so einer Abgabe nicht betroffen. Dennoch stehen sie wirtschaftlich unter Druck. Warum?
Rehn: Das stimmt, bislang kommen Bio-Landwirt*innen irgendwie zurecht, werden für ihre Arbeit aber häufig nicht angemessen honoriert. Der Bio-Preiskampf zwischen Discountern und Drogerien treibt diese Entwicklung noch weiter voran – sogar so weit, dass die Preise teilweise weit unter denen konventioneller Produkte liegen. Das führt dazu, dass die Bio-Landwirt*innen kein sicheres Auskommen mehr haben und das Bio-Marktwachstum nicht mehr substanziell ist. Wir bei Alnatura schließen mit unseren Lieferpartner*innen deshalb langfristige Verträge. Das sorgt nicht nur für mehr Planungssicherheit bei den Bio-Betrieben, sondern garantiert auch eine gute Qualität der Bio-Produkte.
Krüger: Langfristige Verträge mit den Landwirt*innen sind ein Königsweg. Vertragsprogramme auf EU- oder Länderebene laufen meist nur in fünf- bzw. drei-Jahres-Zyklen. Kein Betrieb will dafür mal eben eine grundsätzliche Umstellungsentscheidung für eine andere Art der Landwirtschaft treffen. Dafür braucht es mehr Verlässlichkeit und Sicherheiten. Wir müssen den Betrieben die Sorge nehmen, dass sie sich umstellen, und am Ende doch die deutsche Produktion gegen ausländische Importe ausgespielt wird.
Gerade jetzt, wo sich durch den demografischen Wandel in der Landwirtschaft Hofnachfolger*innen mit der Frage der künftigen Ausrichtung ihres Betriebs beschäftigen, ist es wichtig, attraktive Lösungen zu finden. Neben Planungssicherheit und einer angemessenen Honorierung der gesellschaftlichen Leistungen ist mir auch die Wertschätzung für Landwirtschaft sehr wichtig. In gut gemachter Landwirtschaft stecken viel Kulturtechnik, Fachwissen und Handwerk. Damit der Wandel gelingen kann, ist es wichtig, dass sich Landwirt*innen mit ihrer Arbeit mehr gesehen werden.
Rehn: Absolut. Nicht die Erfolgsmaximierung sollte das Ziel sein, sondern die Sinnmaximierung.
Politischer Wille: Bio-Vorbilder Österreich und Dänemark
Jenseits der Preissteuerung hat die öffentliche Hand ja noch andere Möglichkeiten, die Nachfrage nach Bioprodukten anzukurbeln. Beispielsweise, wenn öffentliche Einrichtungen das Essensangebot konsequent auf Bio-Lebensmittel umstellen. Wäre das eine gute Idee?
Krüger: In der Theorie, ja. Aber in der Praxis scheitern diese Vorhaben bislang an technischen und rechtlichen Hürden. Lange Zeit konnten in öffentlichen Ausschreibungen Nachhaltigkeitskriterien nicht rechtssicher berücksichtigt werden. Dass es geht, zeigen Beispiele wie Kopenhagen. Dort beachten die Ausschreibungen neben Bio-Qualität auch Kriterien wie Saisonalität, Vielfalt, Abfallminimierung, Lieferwege und Verpackung. Das Resultat: Der Bio-Anteil liegt dort flächendeckend bei durchschnittlich 85 Prozent. In Deutschland gibt es hingegen nur einige, wenige Positivbeispiele.
Auch beim Ökolandbau ist Deutschland nicht auf Kurs. Die Bundesregierung will bis 2030 30 Prozent Bio-Anteil auf landwirtschaftlichen Flächen erreichen. Aktuell liegen wir bei knapp zwölf Prozent. Warum läuft es so schleppend?
Rehn: Es mangelt an echter politischer Unterstützung. Die Wachstumsrate im Bio-Landbau in dieser Legislatur war eine der schlechtesten der vergangenen zehn Jahre, obwohl das Landwirtschaftsministerium grün geführt war. Wir haben in Österreich einen Bio-Landbau-Anteil von bald 30 Prozent. Es wäre also erreichbar, wenn der Wille da wäre.

Weidekühe im havelländischen Kuhlhausen – Foto: NABU/Klemens Karkow

Herr Krüger, was machen unsere Nachbarn besser als wir?
Krüger: Der Ökolandbau hat in Österreich aufgrund seines großen Grünland-Anteils und der Weidetierhaltung eine lange Tradition. Erzeugnisse werden häufig direkt an Lebensmittelgeschäfte oder Restaurants in der Region vertrieben. Dadurch ist Bio tief im Selbstverständnis der Österreicher*innen verwurzelt und die Bio-Landwirtschaft genießt politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich eine besondere Anerkennung.
Rehn: Österreich verfolgt konsequent eine langjährige Bio-Strategie und hat damit Erfolg.
Kurzum: Es mangelt nicht an den Ideen, sondern an der Umsetzung und am politischen Willen?
Krüger: Ja, sämtliche Konzepte sind hinlänglich bekannt. Und ich glaube, das ist ein Teil der Frustration, die wir momentan alle spüren: Wir haben erkannt, was eigentlich in vielen Bereichen des Klima- und Naturschutzes getan werden müsste, schaffen es aber politisch nicht, den nötigen Rahmen und die Instrumente in Gang zu setzen, mit denen man sowas wirksam und aufwandsarm hinkriegt. Stattdessen werden oft Sondertatbestände geschaffen, die mit viel bürokratischem Aufwand und ohne wirkliche Wirksamkeit ein paar Jahre vorangetrieben werden.
Blick in die Zukunft für Bioprodukte
Im Wahlkampf wurden Natur- und Klimaschutz kaum thematisiert. Nachhaltigkeit scheint in der gesellschaftlichen Diskussion an Bedeutung zu verlieren. Glauben Sie, dass die Nachfrage nach Bioprodukten künftig abnehmen wird?
Krüger: Da muss ich entschieden widersprechen. Klima- und Naturschutz mögen momentan nicht die wahlentscheidenden Themen sein, weil viele Menschen gerade andere Sorgen haben. Aber die Sorge und das Wissen um die Verletzlichkeit unserer natürlichen Lebensgrundlagen ist geblieben. Das zeigt etwa die Naturbewusstseinsstudie vom vergangenen November.
Auch im NABU spüren wir weiterhin ein großes Interesse. Immer mehr Menschen unterstützen uns mit ihrer Mitgliedschaft. Die Themen sind nicht aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden, sie werden in den politischen Diskussionen aber überlagert.
Rehn: Ich bin da ganz bei Ihnen, Herr Krüger. Im Gespräch mit unseren Kund*innen erleben wir den tiefen Wunsch, etwas konstruktiv zum Besseren zu verändern. Das Interesse an Bio und daran, beim Natur- und Klimaschutz wirksam zu werden, ist nach wie vor groß.
Immer wieder hört man, Unternehmen seien beim Klima- und Naturschutz schon deutlich weiter als die Politik. Alnatura, NABU und REWE etwa fördern beim Projekt „Gemeinsam Boden gut machen“ Landwirt*innen bei der Umstellung auf Ökolandbau. Werden solche Kooperationen künftig eine wichtiger für die Finanzierung von Natur- und Klimaschutz?
Rehn: Gesellschaftliche Veränderungen gehen oft von Unternehmensinitiativen aus. Ich würde mich freuen, wenn wir bald 100.000 Hektar im Jahr auf Bio-Landbau umstellen könnten. Die Alnatura Bio-Bauern-Initiative wurde vor zehn Jahren gegründet. Inzwischen konnten ca. 20.000 Hektar auf Bio umgestellt werden. Für uns als Wirtschaftsunternehmen war es dabei wichtig, einen gemeinnützigen Partner an der Seite zu haben, der das nötige Wissen und die Ressourcen hat, das alles zu organisieren, was wir dann wirtschaftlich unterstützen. Mit dem NABU ist es eine wunderbare Arbeitsteilung.
Krüger: Ohne die vielen privaten Initiativen aus dem Handel würde noch viel weniger passieren. Aber abgesehen von diesen Erfolgen geben solche Kooperationen neue Ideen aus der Praxis, die uns auch in der politischen Arbeit weiterhelfen. Das Wichtigste an der Zusammenarbeit ist für mich, dass man sich gegenseitig zuhört, neue Impulse mitnimmt und Signale erhält, wo noch Handlungspotenziale liegen.
Im Rahmen von „Gemeinsam Boden gut machen“, sind Sie auch in Kontakt mit Landwirt*innen, die auf Bio umgestellt haben. Was hören Sie da in den Gesprächen? Was war die Motivation, umzustellen?
Rehn: Auffällig und berührend ist, dass es häufig junge Bäuer*innen sind, die ihre Eltern davon überzeugt haben. Sie wollten den Hof nur dann übernehmen, wenn sie biologische Landwirtschaft betreiben können. Es gibt in der jungen Generation ein anderes Bewusstsein.
Krüger: Immer mehr sehen ausgelaugte, verdichtete oder erodierende Böden und wollen Verantwortung übernehmen, also den Standort so naturverträglich und resilient wie möglich bewirtschaften. Und es setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass man sich teils zu sehr in wirtschaftliche Zwänge des Weltmarktes begeben hat. Viele wollen kein anonymes Rädchen sein, das in den nächsten 40 Jahren für einen anonymen Markt produziert. Die Arbeit soll sinnstiftend sein und damit auch eine größere Qualität in die Landbewirtschaftung zurückbringen.
Herr Rehn, Sie feiern bald Ihren 75. Geburtstag. Wenn Sie einen Wunsch an den/die künftige Bundeslandwirtschaftsminister*in freihätten, welcher wäre das?
Rehn: Die Chancen des biologischen Landbaus für unsere Gesellschaft und die Chancen der Naturentwicklung richtig zu erkennen und entsprechend konsequent politisch zu handeln.
Und bei Ihnen, Herr Krüger?
Krüger: Die Maßnahmen liegen auf dem Tisch, jetzt muss gehandelt werden. Wir müssen endlich wirksam werden.
Das Interview führte Julian Bethke und ist die Langfassung eines Interviews in „Naturschutz heute“ 1/25.

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