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20.Februar 2025 : Interview: Kulturelles Erbe ist kulturelles Kapital

20.Februar 2025 : Interview: Kulturelles Erbe ist kulturelles Kapital

Source: GoetheFrankfurter Allgemeine Zeitung, 20.02.2025, Nr. 43, Feuilleton, S. 13Was bedeutet Deutschland für die Welt? Ein Gespräch mit Gesche Joost, der neuen Präsidentin des Goethe-InstitutsIhre Vorgängerin Carola Lentz hat als neue Präsidentin gleich ein Buch über die Geschichte des Goethe-Instituts geschrieben. Sie, Frau Joost, waren einige Jahre im Präsidium des Instituts. Wo starten Sie?Die Gründungsgeschichte 1951, als nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes noch vieles darniederlag, ist sehr inspirierend. Menschen hatten damals den Mut zu fragen: Was ist eigentlich unser Gesicht in die Welt? Und dass es damals über Kunst, Kultur und Sprache stattfand, nenne ich einen urdemokratischen Ansatz. Auch heute brauchen wir die Freundschaft mit dem Ausland, denn vieles von dem, was ich einmal für selbstverständlich hielt, ist es ja längst nicht mehr. Die Gesellschaften werden nicht immer offener, freier und demokratischer. Das Goethe-Institut ist der ideale Ort, in Partnerschaften zu denken.Wie viel hat der neue Egoismus in den internationalen Beziehungen mit Wirtschaftsinteressen zu tun?Denken wir an “Make America great again”. In Deutschland, speziell im Digitalbereich, haben uns der Plattformkapitalismus und die großen Monopole kalt erwischt. Rational haben wir das verstanden. Als System, fürchte ich, haben wir noch immer keine Antwort darauf. Die zweite Amtszeit von Donald Trump und die Tech-Oligarchen, die hinter ihm stehen, machen uns ratlos.Sie sind ausgewiesene Digitalexpertin. In welche Richtung muss das Goethe-Institut gehen?Wichtig sind die dezentrale Aufstellung und die Unabhängigkeit des Instituts. Was kommt aus der Zentrale, als regulierendes oder als tongebendes Instrument? Und was passiert in den Regionen der Welt? Diese Logik kenne ich aus dem Internet. Fundamental ist der Vernetzungsgedanke: peer to peer.Ist es dadurch eher verkraftbar, dass man einzelne Institutsstandorte aufgibt?Schließungen sind für uns immer schmerzhaft. Der Netzwerkgedanke bringt einen dazu, andere Konstellationen zu finden. Trotzdem war die öffentliche Reaktion auf die Schließungen im vergangenen Jahr schon ein Aufschrei. Die Institute und Büros spielen in ihren jeweiligen Ländern ja eine wichtige Rolle. Es sind Zentren, die Zivilgesellschaft ermöglichen.Können Sie sich Förderer oder Förderinstitutionen denken, die das Goethe-Institut in Zukunft noch mehr unterstützen, etwa seitens der deutschen Industrie?Die institutionelle Förderung durch das Auswärtige Amt macht den größten Teil unseres Budgets aus. Ein Drittel erwirtschaften wir selbst über Sprachkurse und Prüfungen, dieser Bereich entwickelt sich aktuell sehr gut. Darüber hinaus sind Drittmittel, die wir bei privaten oder öffentlichen Förderern zusätzlich einwerben, jetzt schon eine wichtige Säule unserer Finanzierung. Im Jahr 2024 haben wir etwas mehr als 30 Millionen Euro an Drittmitteln vereinnahmt, etwa zwei Drittel davon stammen von der EU. Allerdings haben uns die Kürzungen in den vergangenen beiden Jahren vor große Herausforderungen gestellt. In unserem Wirtschaftsbeirat tauschen wir uns regelmäßig mit international tätigen deutschen Unternehmen zu Themen aus, die uns gemeinsam bewegen. Hier sind Vorstände mehrerer Dax-Konzerne dabei – das ist ein tolles Engagement, das uns hilft, zum Beispiel Bedarfe zum Thema Fachkräfte noch besser zu verstehen. Aber auch die unternehmerische Perspektive auf transatlantische Beziehungen, Digitalisierung, Diversität. Die Wirtschaft ist und bleibt für das Goethe-Institut ein wichtiger Unterstützer und strategischer Dialogpartner.Wo kann das Goethe-Institut in den nächsten Jahren sparen? Die Vorgaben und Zwänge sind groß. Laut Haushaltsentwurf 2025 bekommen Sie 4,1 Millionen Euro weniger, und über die nächsten drei Jahre müssen 24 Millionen Euro an Strukturkosten eingespart und in Projektmittel verwandelt werden.Erst einmal wollen wir die Transformation zu Ende bringen, wie sie geplant und abgesprochen ist. Fast alle Institute, die wir schließen mussten, sind geschlossen. Auch in der Zentrale in München wird erheblich gestrafft. Dort werden 27 Stellen abgebaut. Wir hoffen darauf, dass auch die künftige Bundesregierung die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik (AKBP) als wesentliche Säule der Außenpolitik stärkt. Mein Ziel ist es, auch die digitale auswärtige Kultur- und Bildungspolitik auszubauen. Dafür sind wir beim Goethe-Institut schon gut aufgestellt. Digitale Angebote weiter auszubauen und stärker mit den physischen zu verschränken, das wird in Zukunft immer wichtiger werden.Nennen Sie uns ein Beispiel?Der Sprachunterricht in Indien. Da haben wir einen gewaltigen Bedarf an Sprachzertifikaten, den wir zurzeit nicht decken können. 170.000 Sprachprüfungen bieten wir jährlich allein in Indien – das ist keine Kleinigkeit. Dort kommt jeden Monat eine Million neue Fachkräfte auf den Arbeitsmarkt. Viele von ihnen überlegen, ob sie nach Deutschland gehen sollen. Dieser Nachfrage können die Goethe-Institute kaum noch gerecht werden. Wir pilotieren daher digitale Sprachkurse und -prüfungen und leben bereits ein hybrides Modell aus Präsenz und digitalem Lernen. Bei einem Besuch in Indien im vergangenen Oktober mit Bundeskanzler Scholz und anderen Mitgliedern der Bundesregierung kamen auch die Themen Fachkräfte und Anwerbung zur Sprache. Indien ist ein idealer Partner für die deutsche Bundesregierung. Da war zum Beispiel eine Krankenschwester aus Kerala, die Deutschland durch das Goethe-Institut kennengelernt hat, bei uns die Sprachprüfung abgelegt hat und hervorragend Deutsch spricht. Jetzt macht sie sich auf den Weg, hier als Krankenschwester zu arbeiten. Wir bieten nicht nur Sprachkurse, sondern auch Hilfe bei der Integration an.Wie sieht das konkret aus?Wir haben mit “Mein Weg nach Deutschland” eine Plattform, die Informationen über Deutschland vermittelt. Außerdem gibt es sogenannte Willkommens-Coaches, die an sechs Goethe-Instituten in Deutschland bei der ersten Orientierung unterstützen. Wir hören viel Kritik, wie kompliziert es ist, ein Visum zu bekommen. Bürokratie, Bürokratie, so lautet die Klage. Und das geht an die Adresse der Politik. Solche Schritte müssen für Fachkräfte viel einfacher sein. Zusätzlich kommen kritische Fragen, welchen Diskurs wir zur Migrationspolitik pflegen. Die Menschen sind sich nicht sicher, ob sie in unserem Land erwünscht sind. Die Offenheit und Freundlichkeit, die wir im Goethe-Institut zeigen, auch die gelebte Demokratie: Das war für die Krankenschwester, von der ich gerade sprach, das schönste Deutschlandbild.War der technologische Schub der letzten Jahre ein Anreiz für Sie, sich um das Ehrenamt der Präsidentin zu bewerben?Ja, wir haben 151 Institute weltweit und sind gleichzeitig auch ein digitales Kulturinstitut. Und die digitalen Instrumente, die wir in der Hand haben, kann man fast mit Bordmitteln bedienen. Die Stichworte sind: Sichtbarkeit und Reichweite. Unsere Website erzielt 120,5 Millionen Visits im Jahr. Das ist nicht schlecht. Mit unseren Accounts weltweit erreichen wir über sieben Millionen Follower. Wir können diese Kanäle noch systematischer dazu nutzen, Themen des Goethe-Instituts wie Freiheit, Diversität und die Bekämpfung von Fake News zu adressieren. Die große Aufgabe: Wie erreichen wir Milieus, die uns mit Skepsis begegnen? Wir dürfen nicht überheblich werden, sondern müssen akzeptieren, dass es andere Sichtweisen als die unsere gibt.Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in der Strategie des Goethe-Instituts?KI ist ein Werkzeug, das differenziert eingesetzt wird. Unsere Informationsarbeit muss digital so aufbereitet werden, dass sie von der KI genutzt und verbreitet werden kann. Es reicht nicht mehr, das Jahrbuch als PDF ins Netz zu stellen, über diesen Punkt sind wir schon lange hinaus. Wir nutzen KI heute auch schon in der Spracharbeit.Was bedeutet für Sie “Goethe” im Namen des Goethe-Instituts?Als Teenager haben mich “Die Leiden des jungen Werther” umgehauen. Das Buch war prägend für meinen Kulturbegriff, die Tiefe des emotionalen Empfindens und für Differenziertheit im Ausdruck. Wir wollen auch über unsere Dichter und Denker als Deutschland wahrgenommen werden, über den freiheitlichen Geist, den Goethe repräsentiert, und die Wertvorstellungen, die mit der Kraft des Wortes verbunden sind. Sprache ist ein zentraler Bestandteil unserer Art, wie wir Kultur erlebbar machen wollen.Das Ausland erwartet vom Goethe- Institut auch Traditionspflege, seien es Beethoven oder Büchner, Thomas Mann oder Brecht. Tun Sie genug, um diesen Hunger zu stillen?In Neu Delhi habe ich mit einem Kulturschaffenden gesprochen, einem Aktivisten, der mir sagte, er habe die deutschen Philosophen in unserer Bibliothek gelesen. Da habe ich gemerkt: Wir machen gute Angebote. Ob wir jetzt zeitgenössische Tanzperformance fördern oder literarische Klassiker – in beiden Fällen wollen wir dasselbe transportieren. Wir müssen dieses Erbe schützen. Das Alte und das Neue sollten keine Gegensätze sein.Eine Studie des Instituts für Auslandsbeziehungen (IFA) über auswärtige Kulturpolitik in Zeiten der Nationalismen empfiehlt bessere Koordination zwischen den demokratischen Ländern, Unterstützung für zivilgesellschaftliche Akteure sowie für Demokratie, Menschenrechte, Diversität. Aber manchmal habe ich das Gefühl, die modernen Anforderungen und die alten Kulturwerte werden als zwei verschiedene Stränge empfunden: old school und new school. Wird das ausreichend zusammengedacht? Traditionspflege einerseits, Vermittlung zivilgesellschaftlicher Werte andererseits?Es ist unsere Aufgabe, das zusammenzudenken, daher rührt unsere Kraft. Wir sind ja nicht die Bundeszentrale für politische Bildung, die sagt: Das ist Demokratie. Das ist nicht unsere Aufgabe. Wir müssen es durch Kunst und Kultur erlebbar machen und auch gemeinsam immer wieder neu herstellen. Kulturelles Erbe ist kulturelles Kapital.Bei Ihrer Veranstaltung kürzlich in Berlin warnte die Künstlerin Hito Steyerl davor, Kultur zu instrumentalisieren. Die IFA-Studie empfiehlt nun: Lasst uns Kultur in Stellung bringen gegen die neuen Nationalismen. Kunst als Bollwerk.Ein interessantes Spannungsfeld. Die reine Instrumentalisierung verkennt den Charakter von Kunst und Kultur. Der Vortrag von Hito Steyerl hat für radikale Freiheit von Kunst und Kultur plädiert, die einen neuen, globalen Gemeinsinn schaffen könne. Freiheit schließt immer das Experimentelle, das Unerwartete und Unbequeme ein. Und das brauchen wir in einer lebendigen Demokratie.Das Gespräch führte Paul Ingendaay.© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Alle Rechte vorbehalten. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv. 

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