Source: NABU – Naturschutzbund DeutschlandNABU fordert Gegenmaßnahmen und Prävention
In der Vergangenheit trat die Vogelgrippe vor allem im Herbst und Winter auf. Inzwischen bedroht das Virus aber das ganze Jahr über Vogelarten. Deswegen fordert der NABU eine bessere Überwachung und mehr Schutz für Wildtierpopulationen.
Basstölpel auf Helgoland – Foto: Rainer Ziebarth/www.naturgucker.de
Seit fast zwei Jahrzehnten kommt es weltweit immer wieder zu Ausbrüchen der Vogelgrippe. Betroffen sind Wildvögel ebenso wie Tiere in der Geflügelhaltung. Doch 2022 endet die Brutsaison mit einem beispiellosen Ausbruch.
In diesem Sommer hat es vor allem Meeresvögel an der Atlantikküste von Europa bis Nordamerika getroffen. Das Virus schlug inmitten der Fortpflanzungszeit zu und führte in einigen Vogelkolonien zu Totalausfällen beim Nachwuchs. Ungewöhnlich in diesem Jahr: Selbst im Mai wurden noch tote Kormorane auf Rügen entdeckt, die nachweislich an der tödlichen Variante H5N1 erkrankt waren. Im Juni wurde klar, die Viruserkrankung ebbt nicht etwa ab, wie sonst üblich im Frühjahr, sondern nimmt erst richtig Fahrt auf. Im gesamten europäischen Raum kam es im Sommer zu teilweise existenziellen Populationseinbrüchen insbesondere bei koloniebrütenden Seevögeln.
Besonders gefährdet: Basstölpel und Brandseeschwalbe
Für den in Deutschland extrem seltenen Basstölpel, der bei uns nur auf Helgoland brütet und dort in diesem Jahr mit etwa 1.500 Brutpaaren startete, lautet das vorläufige Resümee des Vereins Jordsand am Ende der Saison: mehr als 70 Prozent der Nester waren schätzungsweise vorzeitig verlassen.Ebenso schrumpften auf der niederländischen Vogelinsel Texel innerhalb weniger Wochen 4.500 Brutpaare der Brandseeschwalbe auf wenige Dutzend. Tausende tote Tiere wurden eingesammelt. Auf der ostfriesischen Insel Minsener Oog, dort gibt es die größte deutsche Brandseeschwalbenkolonie, wurden mehr als 1.000 tote Altvögel gezählt. Das entspricht etwa einem Fünftel der Kolonie – und es dürften weitaus mehr Tiere unentdeckt gestorben sein.Neben weiteren Arten wie Skua, Fluss- und Rosenseeschwalbe traf es nicht nur koloniebrütende Meeresvögel im europäischen Nord- und Ostseeraum, sondern auch Greifvögel wie Seeadler und Wanderfalke . Am anderen Ende des Kontinents, in der weltweit größten Brutkolonie des Krauskopfpelikans in Südosteuropa, verendeten in diesem Jahr ebenfalls überdurchschnittliche viele Tiere.
Einzelne Virenstämme sind besonders infektiös und tödlich
Populationen von Brandseeschwalben werden auch von der Vogelgrippe bedroht. – Foto: Rainer Löther/www.naturgucker.de
Die Krankheit wird durch ein Influenza-A-Virus hervorgerufen, das seinen natürlichen Wirt in wilden Wasservögeln hat. Die Vogelgrippe tritt in zwei Formen auf. Die hochpathogenen, also besonders ansteckenden Stämme (HPAI), zu denen auch die bekannten Varianten H5N1 und H5N8 zählen, sind für einen meist tödlichen Krankheitsverlauf bei Vögeln verantwortlich. In den überwiegenden Fällen weisen Wildvögel jedoch weniger pathogene Stämme (LPAI) auf, die zwar infektiös sind, aber nur milde bis gar keine Symptome hervorrufen.
Hausgeflügel steht im Verdacht, der Ursprung hochpathogener Stämme zu sein, wobei die moderne Geflügelindustrie sehr wahrscheinlich als Motor der Entwicklung und Verbreitung solch tödlich-infektiöser Stämme fungiert. Erstmals nachweisen konnte man H5N1 im Jahr 1996 in einer Gänsefarm in Südchina. Von dort wurde das Virus übertragen auf weitere Zuchtbetriebe und schließlich auch auf wilde Zugvogelarten wie Gänse, Enten und Schwäne. Diese verfrachteten das Virus dann über ihre Zugrouten in andere Erdteile, auch nach Europa. Erstmal in der Geschichte taucht H5N1 inzwischen auch in Südamerika auf.
Neue Entwicklung: Vogelgrippe überwintert vor Ort
Hierzulande war die Vogelgrippe mit ihren tödlichen Folgen zumeist ein Thema des Vogelzuges in den Herbst- und Wintermonaten. Entlang der Zugrouten befinden sich Rast- und Futterplätze, die vor allem gesellige Arten wie Gänse und Enten, aber auch andere Wasservögel, in Scharen anlocken. Dort kann sich das Virus besonders leicht ausbreiten.
Im Sommer 2021 wurde jedoch erstmals nachgewiesen, dass der Virus-Typ H5N1 in heimischen Wasservögeln überdauert hatte. Zusammen mit im Winter über Zugvögel erneut eingetragenen Viren hatte sich die Vogelgrippe ungewöhnlich stark ab dem Frühjahr 2022 in Brutpopulationen von Küstenvögeln vermehrt. Hier führt die oft hohe Dichte in den Kolonien zu einer beschleunigten Ausbreitung. Das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) beschreibt die gegenwärtige Epidemie im dritten Quartalsbericht 2022 als den zahlen- und flächenmäßig bislang größten Ausbruch der hochansteckenden Variante der Vogelgrippe in Europa. Betroffen sind 37 europäische Länder mit insgesamt fast 2.500 Ausbrüchen in Geflügelbetrieben und daraus resultierend knapp 48 Millionen Keulungen. In Wildvögeln konnten die besonders aggressiven Virenstämme in mehr als 3.500 Fällen nachgewiesen werden.
Trotz Epidemie: Es gibt Hoffnung
An Vogelgrippe verendeter Basstölpel. Foto: NABU / Till Holsten
Eine Bilanz der aktuellen Vogelgrippe-Epidemie ist noch schwierig, da genaue Zahlen zu Todesopfern und infizierten Arten fehlen. So bleibt nicht nur die Frage, wie es im Herbst-Winter 2022 und darüber hinaus weiter geht, sondern auch welche Folgen der letzte Ausbruch für den Fortbestand der betroffenen Arten haben wird.
Hoffnung kommt aus Brutkolonien der Brandseeschwalbe in den Niederlanden und Belgien. Auf der Insel Texel hatte das Virus zuvor tausende Tiere getötet und von anfangs über 4.500 Brutpaaren hatte es nur ein einziges geschafft, ein Junges großzuziehen. Im Juni dann die Überraschung: 600 Brutpaare fanden sich ungewöhnlich spät ein, brüteten erneut. Darunter beringte Tiere aus zuvor infizierten Kolonien aber auch Spätrückkehrer aus ihren Winterquartieren. Am Ende der Brutsaison schafften es 300 Jungvögel flügge zu werden.
Wirksamer Schutz gegen die Vogelgrippe: Populationen stärken
Die aktuelle Epidemie macht deutlich, wie wichtig eine systematische Überwachung, eine flächendeckende Untersuchung und ein gut funktionierendes Informationsnetzwerk sind, um den Beginn einer Epidemie frühzeitig zu erkennen und einer unkontrollierten Ausbreitung entgegenwirken zu können. Doch vor allem muss es darum gehen, Wildvogelarten so zu stärken, dass die Populationen eine natürliche Belastbarkeit gegenüber solcher Ereignisse entwickeln können. Überfischung und Vermüllung der Meere, mariner Rohstoffabbau, Störungen durch Schiffsverkehr und der Ausbau der Offshore-Windenergie sind wesentliche Treiber für den Verlust von Brut-, Nahrungs- und Rastgebieten für Meeres- und Küstenvögel.
Stand: 20. November 2022
Was der NABU fordert
Widerstandsfähigkeit von Seevogelpopulationen stärken: Fischerei – besonders mit Grundschleppnetzen und auf wichtige Beutefische wie Sandaale – wirksam regulieren
Verlust von Rast- und Nahrungsgebieten verhindern
Ausbau der Windenergie nur außerhalb von Schutzgebieten und wichtigen Wanderkorridoren
Nationaler Reaktionsplan für HPAIV-Varianten wie H5N1 bei Wildvögeln mit Informationsaustausch zwischen Bundesländern und europäischen Staaten.
Bessere Kontrolle und höhere Standards bei Geflügelzucht und internationalen Handel mit Fleischerzeugnissen
